Interview

Escapado


Kaum den Tower betreten, hat ihn der Interviewer auch schon wieder verlassen. "Die Band ist gerade essen...da drüben beim Chinesen" wusste einer der Veranstalter. "Die sind aber ganz locker drauf, geh' einfach mal 'rüber!" - Unter diversen Geschäftskunden und Pärchen sind Escapado dann in besagtem Restaurant auch nicht sonderlich schwer auszumachen. Eine Freude für den Redakteur, dass sich die Einschätzung des Veranstalters bestätigt: Gitarrist Sebastian, Sänger Helge, Schlagzeuger Christoph, Bassist Gunnar plus ein (anfangs) Unbekannter laden nach fernöstlichem Abendessen zum Plausch über ihr zweites Album "Initiale", Albatrosse und die Weathergirls.

Moin, Jungs. Und erstmal alles Gute zum Geburtstag, Sebastian!

Sebastian: Warum weiß denn jeder, dass ich Geburtstag habe? Man kann sowas wohl einfach nicht geheim halten...

Habt ihr denn reingefeiert?

Sebastian: Ja, ein bisschen schon. Wir waren ja gestern in Hamburg, also gings nach dem Gig erstmal auf die Reeperbahn.

Um mal zum Geschäftlichen zu kommen: Vor "Initiale" habt ihr ja ausschließlich auf dem Label "Zeitstrafe" veröffentlicht... (Allgemeines Grinsen)

Christoph: Ja, auf dem Label sind wir auch immer noch.

Helge: Ich finde Zeitstrafe ja ziemlich scheiße.

Alle: (lachen)

Helge: Nee, mal im Ernst. Du musst wissen, dass Renke von Zeitstrafe ist. Deswegen sind wir auch grad zu fünft.

Christoph: (grinsend) Wäre jetzt sonst die Frage gekommen: Wieso seid ihr bei so nem unprofessionellen Scheißlabel?

Nee, nicht direkt. Aber Danke für die Einweihung, das wusste ich jetzt nicht. Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass euch Thees Ulmann ja quasi entdeckt hat...

Sebastian: Naja, also so wirklich entdeckt hat uns eigentlich niemand. Wir haben einfach Musik gemacht und sind eben sehr viel aufgetreten. Nach einem Konzert hat Thees uns dann angesprochen.

Ist es eine deutliche Umstellung zu früher, von Grand Hotel van Cleef unterstützt zu werden?

Sebastian: Ja, sie kümmern sich schon um so einiges, das wir selbst gar nicht bewältigen könnten. Unsere Platten werden vertrieben und echt gut promotet, sie buchen Touren für uns und live bringt das auch einige Vorteile. Die ersten Konzerte waren natürlich nicht einfach, aber wenn du ein paar gespielt hast, lernst Du neue Leute kennen und auch andere Bands. So entsteht dann irgendwann ein Netzwerk. Man erreicht also definitiv ein größeres Publikum.

Gibt es denn in eurer Heimatstadt Flensburg so etwas wie eine Hardcore-"Szene"?

Sebastian: Ich würde das nicht direkt eine "Szene" nennen. Davon reden meistens immer Leute, die von außerhalb kommen. Klar, es gibt da viele gute Bands und irgendwann kennst Du eben die meisten Musiker deiner Stadt. Hmm, könnte man insofern ja doch als Szene bezeichnen (überlegt).

Produziert hat Euch ja zumindest ein Flensburger: Hauke Albrecht, der auch viel mit Turbostaat arbeitet. Wie war es mit ihm im Studio? Hat er euch stark beeinflusst?

Sebastian: Nicht sonderlich. Ein paar einzelne Parts haben wir hier und da mal umarrangiert. Aber im Prinzip kamen wir mit unseren Proberaumaufnahmen an und sind sie mit Hauke durchgegangen. Manchmal haben wir dann auch gemerkt, dass Teile der Songs zu lang sind oder nicht passen. Es wurde dann etwas gekürzt oder bearbeitet. Das war eigentlich alles, vorwiegend haben wir uns an die Demos gehalten.

Schon beeindruckend, wenn man bedenkt, wie ausschlaggebend Produzenten heutzutage doch sind.

Sebastian: Für uns war Hauke auch mehr jemand, der von außen kam und einfach eine "objektivere" Meinung hatte. Manche Dinge hörst Du einfach nicht selbst, weil es nun mal Deine eigene Musik ist und Du eben mittendrin steckst. Da hilft eine Stimme von außen, die einfach mal sagt: "Jungs, das hier könnte man anders machen". Die Platte sollte aber eben immer noch nach uns klingen.

Das ist definitiv gelungen. Ihr habt den Kurs eures ersten Albums "Hinter den Spiegeln" in jedem Fall weiterverfolgt. "Initiale" ist dabei aber homogener, akzentuierter und - man könnte fast sagen - epischer.

Sebastian: Das stimmt. Auf "Hinter den Spiegeln" findet sich im Prinzip alles, was wir damals so auf Lager hatten. Eine bunte Ansammlung von Songs, wenn Du so willst. "Initiale" ist von Anfang an als ein in sich geschlossenes Album entstanden.

Wie erarbeitet Ihr Eure Songs? Wer bringt welche Ideen?

Sebastian: Der instrumentale Teil und die Arrangements stammen meistens von mir, Helge überlegt sich unabhängig davon seine Texte. Manchmal schwirren mir auch einzelne Textzeilen im Kopf umher, in der Regel ist das Texten aber Helges Gebiet.

Was hat es mit dem Titel der Platte auf sich?

Helge: Der Titel kam direkt vom Song "Initiale". Wir haben uns lang Gedanken zum Titel gemacht und haben uns dann letztlich dazu entschieden, weil er für einen Anfang, einen Aufbruch steht.

Sebastian: In dem Song gibt es ja die Zeile "Der Moment, auf den Du wartest, wird ganz allein von dir selbst bestimmt." Als mir Helge damals diese Textzeile zeigte, hat mich das umgehauen. Da hatte ich dann auch gleich die Idee, dass der Satz groß im Booklet stehen sollte. Er sollte das erste sein, was du siehst, wenn Du die Platte aufklappst. Initiale ist in diesem Fall nicht wörtlich zu verstehen. Mehr im Sinne von "initial". Deswegen auch der Titel des Intros: "Initio Esc".

Deutschsprachige Texte sind ja in härteren Gefilden alternativer Musik nicht unbedingt Gang und Gäbe. Was haltet ihr von deutschen Bands mit englischen Songtexten?

Sebastian: Wir verachten sowas jetzt nicht oder so. Für mich war aber von vornherein klar, dass unsere Texte sich unserer Muttersprache bedienen sollten. Songtexte sollen ja aussagekräftig sein. Da wäre es mir einfach echt peinlich, mit abgebrochenem Englisch und falschem Satzbau zu hantieren. Dem Deutschen sind wir einfach wesentlich mächtiger, so können wir die Dinge besser auf den Punkt bringen und nicht solche Standardparolen wie "I feel I'm alive" plärren.

Jetzt mal ein paar konkrete Fragen zu einigen eurer Songs: "Solang Du Weisst" sticht auf dem Album ja ziemlich heraus. Ist der Text bandbiografisch zu verstehen?

Helge: (überlegt) Das könnte man so interpretieren, ja. Der Text ist nicht hundertprozentig darauf gemünzt. Ich hab ihn schon in einer konkreten Situation geschrieben. Meine Texte beziehen sich aber nicht immer unbedingt auf etwas ganz Konkretes, sondern die Gedanken kreisen meist um verschiedene Sachen. Aber bei "Solang Du Weisst"... ja, da gibt es schon einen autobiografischen Anteil, der Escapado betrifft.

Was hat es denn mit dem Titel "Kommando Mosfet" auf sich?

Sebastian: (grinsend) Das ist eigentlich auch ein Quatschtitel. Der Song hieß vorher "Worte", was einleuchtend ist, wenn Du den Anfang hörst. Den Titel gab es aber schon zu häufig von anderen Bands, Todd Anderson zum Beispiel. Ein Mosfet...das ist eine Transistor-Endstufe....und "Kommando", weil eben der Anfang an eine Radioübertragung angelehnt ist.

Speziell in diesem Song und im Abschlusstrack "Ausgeblendet" sind deine Texte deutlich hoffnungsvoller, Helge. "Halt Dich fest" lautet die letzte Zeile.

Helge: Da kann ich jetzt wieder auf dieses autobiografische Element zurückkommen. Ich wollte in meinen Texten nicht immer nur dieses "Schwarzmalerische" weiterführen, weisst Du? Lieder mit depressiven Texten waren meiner Meinung nach schon verdammt viele geschrieben und ich wollte eben Hoffnung mit einfließen lassen. Außerdem hab' ich mich zu der Zeit sowieso so gefühlt, so dass es sich ganz natürlich hoffnungsvoller entwickelt hat. Wenn man dieses "Die Welt ist scheiße" übertreibt, ist das auch irgendwo lächerlich.

Ein anderer Song, der auf der Platte untypisch erscheint, ist ja "Verbindung", der – als einzige Ausnahme – wie ein Popsong aufgebaut ist. Wie seid ihr zu dem Song gekommen?

Sebastian: Bei manchen Songs merkt man recht schnell, was diese brauchen bzw. was ihnen noch fehlt. Und für "Verbindung" drängte sich diese Struktur einfach auf.

Für mich auf jeden Fall ein Highlight der Platte, weil er eben dadurch überrascht, dass er nicht überrascht.

Helge: Sebastian hat öfter schon mal einen Song geschrieben, der ins Pop-Schema ging...ich hab das dann einfach konsequent ignoriert und was Anderes damit gemacht. (Alle lachen) Da wurde dann schnell mal aus einem Refrain noch eine Strophe. Bei "Albedo" vom ersten Album war das beispielsweise so.

Zum Artwork: Euer Symbol ist ja eine Möwe. War das eure Idee?

Sebastian: Nein, das Artwork stammt komplett von Benni, einem Freund von uns aus Münster. Ich dachte anfangs auch, dass das 'ne Möwe ist, aber es ist ein Albatross. Albatrosse waren schon immer ein Glückssymbol für Reisende, die kurz davor waren, aufzubrechen, damit sie heil wieder ankommen. Als Benni mir das so erklärt hat, war ich sehr froh, wie sehr er den Grundgedanken der Platte verinnerlicht hatte.

Wie sieht euer Tourplan im Sommer aus? Spielt ihr Festivals?

Christoph: Ja, werden wir...

Und welche?

Helge: Das wird dann auf die Seite gesetzt (grinst).

Das kann ich euch also nicht vorher entlocken?

Sebastian: Hehe, nein. Aber es werden keine Großen wie das Hurricane sein, wobei das natürlich wirklich was hätte.

Was läuft bei euch denn so für Musik im Bandvan?

Helge: Über Queen, Roxette, Oasis, Ärzte...so Einiges.Oder eben auch mal Mixtapes. Wenn wir uns gegenseitig mal musikalisch terrorisieren und die Stricke reißen, haben wir ja auch noch alle nen Mp3-Player. Tendenziell läuft aber eher entspannteres Zeug. Oder überdreht alberner Scheiß.

Zum Beispiel?

Christoph: Die Weathergirls gestern! (Gelächter) It's raining ham!

Wie ist es mit Musik, die näher an eurer eigenen liegt?

Sebastian: Live auf jeden Fall immer wieder gern! Auch unbekannte Bands. Aber zu Hause höre ich persönlich sowas nicht mehr.

Die Gefahr, dass das auf Escapado umschlägt, besteht aber nicht?

Sebastian: Nein, ach Gott. Wir spielen diese Musik definitiv am Liebsten und das bleibt auch so.

Gordon Barnard

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Rezension zu "Montgomery Mundtot" (2010)
Rezension zu "Initiale" (2007)

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