Interview

East Cameron Folkcore


Im September haben East Cameron Folkcore ihr Album "For Sale" auf dem Hamburger Label Grand Hotel van Cleef in Deutschland re-released. Gerade frisch aus dem Flieger feiern sie ihren Tourauftakt im Substage in Bielefeld, kurz vorher finden sie Zeit, sich mit uns über ihre neue Platte zu unterhalten. Blake und Jessie, ihres Zeichens Songwriter und Sänger der elfköpfigen Band, sprechen mit éclat über Politisches, nicht vorhandene Lovesongs und Bildungsschulden.

Wenn man sich die aktuelle Musiklandschaft so anschaut, merkt man schnell, dass der Folk gerade einen großen Platz einnimmt. Die Presse spricht vom großen Folk-Revival, überall sprießen neue Bands aus dem Boden, die Folk machen. Folk ist groß zur Zeit. Macht sich das für euch als Folk-Band bemerkbar?

Jessie: Ja, jeder hat das bemerkt. Mumford & Sons werden durch unsere Radios gepumpt, der gleiche Song von denen immer wieder und wieder wiederholt. Man läuft durchs Shopping-Center und sogar da dudelt die ewig gleiche Folkmusik aus den Lautsprechern. Also klar haben auch wir das bemerkt, aber hat das eine Auswirkung auf das, was wir tun? Gar nicht!

Kannst du dir erklären, warum es aktuell so einen hohen Bedarf an dieser eher handgemachten, "echten" Musik gibt?

Jessie: Ich weiß es nicht! Der musikalische oder, wenn man so will, folkmusikalische Hintergrund, aus dem wir kommen, sind Leute wie Guthrie oder Dylan. Künstler also, die Folkmusik aus einem bestimmten Grund gemacht haben, die soziale Veränderungen bewirken wollten. Genau das ist das, was heutzutage in der Szene gar nicht passiert. Die aktuelle Mainstream-Folkszene hat sicherlich gute Bands, ich will gar nicht sagen, dass das alles schlechte Musiker sind oder so. Es scheint nur so, dass viele absichtlich ein bestimmtes Muster verfolgen, das das Publikum erwartet und dass sie diese Erwartungen eben auch ausnutzen. Heute meint man, dass der typische Folkmusiker so ein "Immigrant Farmer" sein muss, also so aussehen muss wie die arme Bevölkerung in den 30ern. Und genau das ist im Prinzip genau das Gegenteil von dem, was wir machen. Darüber hinaus würde ich sagen, dass wir gar keine so typische Folkmusik machen beziehungsweise einige unserer Stücke gar nicht so einfach kategorisiert werden können. Wir benutzen zwar immer noch die typischen Instrumente, mischen aber auch sehr unterschiedliche Arrangements und Stile. Wir setzen uns nie zusammen und sagen: "So, wir machen jetzt einen Folksong!" Wir treffen einfach aufeinander, reagieren miteinander und das Endprodukt klingt dann meistens völlig anders als das, womit wir zu arbeiten angefangen haben.

Das ist eine gute, emotional offene Arbeitsweise, die man eurer Musik auch auf dem neuen Album anhört. Lass uns ein bisschen über diese neue Platte sprechen! Sie heißt "For Sale" und auf dem Cover sieht man ein typisches "For Sale"-Schild. Und im Hintergrund steht das Texas State Capitol. Kündigt ihr also den staatlichen Ausverkauf an?

Jessie: Ja, die Nachricht, die da vermittelt werden soll, ist ziemlich einfach. Die Idee des Albums war jetzt zwar nicht, tatsächlich ein "For Sale"-Schild vor dieses Gebäude zu platzieren, aber wir wollen durchaus sagen, dass in der Politik Fehler gemacht werden, dass da einiges falsch läuft. Es gibt Menschen, die über das Geld anderer verfügen, Lobbyisten und Politiker, die rücksichtslos mit ihrer Verantwortung umgehen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Das Cover lässt aber Platz für viele unterschiedliche Interpretationen.

Ihr habt tatsächlich eine sehr markante politische Haltung, die ihr auch in euren Songs einfließen lasst. Ihr sagt eure Meinung und zeigt eure Ablehnung zu vielem. Was wollt ihr beim Hörer damit bewirken?

Jessie: Keine Ahnung. Das Lustige an diesem Album ist, dass die Songs auf "For Sale" urprünglich gar nicht so politisch waren. Viele der Songs waren eher Introspektiven von uns, aber als dann der Refrain und die letzten Zeilen am Ende dazukamen, wurde es plötzlich sehr politisch. Außerdem bekomme ich immer wieder mit, wie die Hörer aus den Songs auch genau diese politische Färbung heraushören und für sich selbst interpretieren, es möglicherweise stärker heraushören, als es tatsächlich vorhanden ist. Aber wir schreiben unsere Musik schon einfach, weil wir das Bewusstsein für bestimmte Probleme schärfen wollen. In "Sallie Mae" etwa geht es um die Bildungsschulden junger Amerikaner. Unsere Generation wächst mit einer riesigen Menge Schulden für Schulen und Universitäten heran, sie haben keine andere Wahl, als diese Schulden aufzunehmen, um überhaupt eine Aussicht auf einen Job zu haben. Der Song ist sehr persönlich, denn ich selber habe diese Schulden und habe deshalb darüber geschrieben. Dennoch denke ich, dass in diesem Stück ein universelles Gefühl ausgedrückt wird. Gleichzeitig bringt aber natürlich jeder Hörer auch seinen eigenen Kontext dazu und identifiziert sich auf seine eigene Art und Weise mit einem Stück.

Speziell zu dem Song "Director's Cut". Da ist die Songzeile "I hope you know, we're all going to hell. If we're not already there". Würdest du sagen, dass du ein sehr negativer Mensch bist?

(Jessie lacht)

Blake: Ja!!! Ich bin eine negative Person! (lacht) Naja, aber mal im Ernst, ich würde mich als negativen Optimisten beschreiben.

Jessie: Ich glaube, wir sind beide negative Optimisten.

Ok, aber in welcher konkreten Stimmung hast du denn genau diese Zeilen geschrieben, Blake?

Blake: Ich war sehr belustigt. (grinst) Nein, also ich glaube, dass das Leben eines jeden Menschen eine Art Film ist. Gleichermaßen führt eben auch jeder zeitweise Regie bei seinem Film und manchmal ist man eben nur Darsteller. Zeitweise hat man Kontrolle über das eigene Leben und zeitweise eben einfach nicht. Darum dreht sich der Song im Wesentlichen.

Nochmal in Bezug auf die erwähnte Zeile: Ist dann die Hölle also Teil des eigenen Films? Oder das Ende eines jeden Films?

Blake: Ich glaube nicht an die Hölle. Aber wenn es eine gibt, sind wir wahrscheinlich wirklich schon mittendrin.

Ich habe mir einige Gedanken über eure texanische Herkunft gemacht, vor allem, wenn man eure starke politische Haltung beachtet. Ist es schwer, in Texas so weit im linken Lager zu sein? Nehmen die euch dort ernst?

Blake: Wir leben ja alle in Austin und man kann schon behaupten, dass dieser Ort so eine Art kleines Utopia ist, das beinahe für sich selbst steht! Die Leute sind da sehr offen und liberal eingestellt. Wir werden mit unserer Meinung also durchaus angenommen und es ist gerade in Amerika nicht sehr schwer, so Texte zu schreiben, wie wir es tun, weil es einfach so vieles gibt, worüber man sich aufregen kann.

Ich verstehe. Ich habe mich nur gewundert, weil ihr mit eurer Meinung und eurem künstlerischen Ausdruck schon beinahe europäisch wirkt.

Jessie: Ja gut, wir merken das jetzt gerade aber auch stark. Die Leute hier in Europa sind schon sehr viel empfänglicher für unsere Haltung, verstehen sie schneller und denken ähnlich wie wir. Das ist hier schon einfacher, da hast du recht. Als wir unser Album in Austin veröffentlicht haben, zielten die Reaktionen der Presse so gut wie gar nicht auf unsere politische Haltung ab. Im Gegenteil: Es wurde größtenteils komplett ignoriert. Überhaupt wurden wir hauptsächlich von Punk-Magazinen thematisiert, was unserer Färbung ja tatsächlich auch am nächsten steht. Von Seiten der Folk-Szene kam da aber erschreckend wenig, wohingegen hier genau das immer und überall im Vordergrund stand, was für uns natürlich unglaublich positiv ist. Gerade auch unser Label in Deutschland, Grand Hotel van Cleef, hat unsere Meinung zur Politik regelrecht aufgesogen und dann im Pressetext katalysiert, was wirklich super ist. Wir freuen uns darüber!

Das kann ich verstehen, vor allem eben, wenn das in Amerika scheinbar so unbeachtet bleibt. Wenn ihr tatsächlich etwas ändern wollen würdet in Amerika, wenn ihr eine Sache beeinflussen könntet, was wäre das konkret?

Jessie: Gerechtigkeit! Es muss einfach mehr ökonomische Gerechtigkeit in Amerika geben. Und vor allem müssen mehr Leute ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass es diese in Amerika nicht gibt. Die meisten haben dieses typische Denken, dass da draußen irgendwas passiert, was sie nichts angeht. Aber das ist einfach ein Thema, das alle gleichermaßen betrifft. Wir wollen jetzt nicht den Zeigefinger erheben und alles besser wissen. Aber es ist einfach etwas, was uns wichtig ist und wo wir gerne durch unsere Musik ein paar Gedanken anregen wollen.

Gibt es eigentlich irgendeinen Lovesong auf dem Album?

Jessie: Mhhh, ich glaube nicht in dem klassischen Sinne, nein. Aber "Ophelia" ist das, was am nächsten an einen Lovesong heranreicht. Ich habe diesen Song für meine Ehefrau geschrieben.

Blake: Ich glaube, "Humble Pie" ist ein sehr starker Lovesong. (lacht)

So, letzte Frage, die ich immer stelle: Was ist der Sinn des Lebens?

Blake: Es gibt keinen!

Jessie: Ich glaube, dem möchte ich nichts hinzufügen.

Silvia Silko

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Rezension zu "Kingdom Of Fear" (2015)
Rezension zu "For Sale" (2013)

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