Interview

Dan Deacon


Dan Deacon – der Meister des Chaos Computer Pops, der, der sogar festgefahrene Indie-Fans dazu bringt, sich an bescheuerten Dance-Contests zu beteiligen, der, der sich selbst nicht zu ernst nimmt und gerade dadurch so gut ankommt, ja, dieser Dan Deacon ist auch im Interview unglaublich freundlich und offen, lacht viel und gerne und schenkt uns einen kleinen Einblick in seine großartige, kreative Welt.

Während die schönste Abendsonne scheint, treffe ich Dan Deacon im gemütlichen Backstage-Bereich des Haldern Pop Festivals. Da Dan den Eindruck macht, als sei er für jeden Spaß zu haben, bitte ich ihn gleich um ein Foto – und zwar eins mit der Lomo-Kamera, die vier Bilder hintereinander schießt. Dan ist begeistert und hat auch gleich eine Idee: "Ich werde mir dieses pinke Kissen ins Gesicht schmeißen!" – gesagt, getan: auch, wenn man mehr Pink als Dan sieht, ist unser Experiment geglückt.


Photo Credit: Marlena Julia Dorniak

Von wegen Experimente: Dan Deacon ist ein wahrer König im Experimentieren. Wie ein sympathisch verrückter Professor wirkt er bei manch einem Soundexperiment, wenn er zum Beispiel alte Computerteile zusammen bastelt und die ungewöhnlichsten Geräusche damit erzeugt. Darum frage ich ihn, welche Maschine er erfinden würde, wenn er jegliche Maschinen erfinden könnte, die er wollte. "Ich würde eine Maschine erfinden, um zu einer Lösung zu kommen, für eine Sache, über die ich schon lange nachdenke: eine Maschine, die Menschen helfen würde, zu verstehen, wer sie selbst sind – und ihnen auch helfen würde, andere Menschen zu verstehen, eine Maschine, die Menschen helfen würde zu verstehen, dass jeder Mensch ein Mensch ist. Macht das Sinn?! Es wäre ein Human Harmonizer!", sagt Dan ganz euphorisch und lacht dabei. Wenn das mal nicht eine Marktlücke ist, so ein Human Harmonizer! Dabei wirken Dan Deacons Shows schon ein bisschen wie die Maschine, die erst noch erfunden werden muss. Fremde Menschen liegen sich in den Armen und haben viel Spaß dabei, sich mit den wildesten Dancemoves zum Deppen zu machen. "Ja, ich versuche das tatsächlich ein wenig in die Richtung zu bringen. Es ist großartig, wenn Leute nach der Show zu mir kommen und mir erzählen, dass es ihnen nun so viel besser geht und sie eine Menge Spaß hatten! Das ergibt dann eine Art Rückkopplung und macht mich wiederum glücklich! Ein Künstler, der mir so ein gutes Gefühl vermittelt hat, war Spalding Gray, ein Schauspieler und Monologführer. Ich wünschte, ich hätte ihn kennenlernen können! Seine Texte waren oft so dramatisch und er hat so viele Schicksalsschläge erlebt, und dennoch waren die Monologe oft so urkomisch, unglaublich! Alle paar Jahre mache ich auch mit ein paar Freunden Comedy-Touren. Ich meine, eigentlich besteht die Hälfte meiner Shows aus Comedy (lacht). Obwohl es in Europa nicht ganz so einfach ist, durch die Sprachbarriere."

Bei seinem Konzert 2010 auf dem Haldern Pop haben die Leute während Dan Deacons Show durch ihr Tanzen ordentlich das Spiegelzelt zum Wackeln gebracht und auch viel gelacht, denn Dan hat zwischendurch auch einiges erzählt. Zum Beispiel, dass das amerikanische Schulsystem die Leute dumm halten möchte und den Kindern keine anderen Sprachen beigebracht werden – denn Englisch können sie ja mit jedem sprechen. Aber wenn Dan unbedingt nun noch eine Sprache lernen wollte, könnte er das ja tun, und darum frage ich ihn, ob er denn mittlerweile eine andere Sprache gelernt hat. "Nein!", kommt es wie aus der Pistole geschossen. "Definitiv nicht. Ich würde es lieben, andere Sprachen zu sprechen, aber es gibt noch so viele andere Dinge, die ich lernen möchte! Ich habe das Gefühl, dass ich immer noch so wenig über Musikmachen und Performance weiß – darauf möchte ich mich nun so richtig fokussieren. Ich hatte in den letzten Jahren oft das Gefühl, dass ich mich von einem Projekt ins andere gehetzt habe, alles machen wollte, aber nirgends so richtig hundertprozentig drin gesteckt habe. Ich würde gerne Spanisch lernen, meine Schwester lebt in Spanien und die Kommunikation mit ihr und ihren Lieben wäre wesentlich einfacher. Aber ich würde auch gerne Maxima, eine Programmiersprache, lernen. Ich würde auch gerne mehr über Mathe, Physik oder Philosophie lernen! Aber... ja, ich sollte das eigentlich einfach tun (lacht)! Es sollte auf diesem Festival hier weniger Bierzelte geben, sondern Veranstaltungen, auf denen man etwas von anderen Menschen lernen kann! Ich würde es lieben, mich dort hin zu setzen und etwas über biodynamische Landwirtschaft und Nachhaltigkeit hier in der Umgebung zu erfahren!"

Dan Deacon hat so einige gute Ideen im Kopf. Über seinen Humor erfährt man etwas, wenn man zum Beispiel das "Feel The Lightning"-Video sieht. Dort erwachen die Möbel und Bücher in einer Wohnung zum Leben und stellen jede Menge Unfug an. Wenn Dan Deacon nun ein Möbelstück in einer Wohnung sein könnte, welches wäre er dann und was würde er wohl anstellen? "Ich muss spontan an den Song von Simon & Garfunkel denken, in dem sie singen "I'd rather be a hammer than a nail" (Simon & Garfunkel – El condor pasa (I'd rather be)). Dan singt selbst den Song und lacht herzlich dabei. "Ich denke, ich wäre ein Bücherregal oder ein Schreibtisch. Auf jeden Fall müsste ich ein Bewusstsein haben und die anderen Dinge um mich herum natürlich auch. Im Bücherregal hätte ich viele Freunde, ziemlich schlaue Bücher, mit denen ich interagieren könnte. Als Schreibtisch wäre ich hoffentlich nicht der eines Richters, sondern vielleicht der eines Architekten oder eines Komponisten und würde all die irren Ideen, die dort zustande kommen, mit verfolgen."

Als ich ihn frage, ob er auch so etwas Gemeines anstellen würde wie die Möbel im Video, ist Dan ganz überrascht: "Du findest sie gemein? Nein, das sind kleine Witzbolde! Gemein sind sie nicht! Aber wenn ich ein Möbelstück wäre, das z.B. im Büro des CIA steht... dann wäre ich gemein! Dann würde ich wahrscheinlich absichtlich wichtige Dinge verlieren. Denn das passiert ohnehin ständig. Ich lege etwas irgendwo hin und es taucht an einem anderen Ort wieder auf! Es ist einfacher, die Möbel dafür zu beschuldigen, als mich selbst zu hinterfragen (lacht). Tische sind besonders schlimm!"


Photo Credit: Marlena Julia Dorniak

Der Phantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt, den Arten, wie man Musik machen kann, mittlerweile wohl auch nicht mehr. "Wir leben in einer Zeit, in der Musik über ihre Grenzen geht, in der sie nicht mehr Musik und auch nicht Soundart ist, sondern etwas Neues passiert. So wie es damals neu für die Menschen war, zu fotografieren – später wollte man bewegte Bilder daraus machen, und so entwickelt sich alles weiter, auch die Musik." Dan Deacons Musik ist auch nicht einfach nur Musik, sondern eine Weiterentwicklung, die oft schwierig in Worte zu fassen ist. Und die auch nicht einfach verdaulich ist. So ist Deacons letztes Album "Gliss Riffer" auch nur begrenzt genießbar, und verstärkt die jeweilige Laune, wie eine Droge, die glücklicher macht, wenn man glücklich ist, oder die einen total runter zieht, wenn man nicht so gut drauf ist. "Das kommt aber sehr auf die Droge an, wie man sich damit fühlt. Ich denke, Pilze gehen immer! Sie machen mich produktiv (lacht). Ich meine... wenn man mit seiner eigenen Realität konfrontiert wird und das Gefühl hat, man muss sterben... das versetzt einen nicht unbedingt in eine gute Laune, aber es bringt einem viel über Menschlichkeit bei und danach wird man produktiv! Ich meine... jede Erfahrung, die wir machen, verändert uns. Ich weiß nicht, ob die Sterblichkeit die Produktivität unbedingt beeinflussen muss... aber sie ist eine gute Möglichkeit, erinnert zu werden, etwas zu tun. Es ist schon komisch. Als Kind will man immer älter werden, dann kommt man in ein Alter, in dem man immer bleiben möchte und dann kommt man in ein Alter, in dem einige Leute das Verlangen haben, wieder jünger zu sein. Dabei ist es doch in jedem Alter großartig! Man sollte sich so annehmen, wie man ist! Ich denke, Menschen haben Angst vor dem Alter, vor Sterblichkeit. Auch vor den Erfahrungen, die man nicht mehr zum ersten Mal erleben kann, weil man manche Dinge nur beim ersten Mal so intensiv erleben kann. Aber dabei bringt jeder Moment seine eigene Schönheit mit! Ich habe schon so viele Männer Fahrrad fahren gesehen, aber dieser da hinten, der fährt wirklich sehr cool Fahrrad (lacht)! Bill Murray hat diese Philosophie, dass man sich immer wohl fühlen sollte und entspannt genug sein sollte, um das Leben zu erleben und diese raren Momente zu erleben, wunderschöne Dinge, die vor deinen Augen passieren, die du aber vielleicht nicht wahrnehmen kannst, weil du nicht mit vollem Bewusstsein dabei bist!"

Über das Video, das Dan Deacons Lebenseinstellung vor etwa einem Jahr ziemlich verändert hat, hatte ich schon in einem anderen Interview gelesen und mich gefragt, ob Dan vielleicht schon mit Bill Murray in Kontakt getreten ist, um ihm zu sagen, wie sehr es ihn geprägt hat, seine Worte zu hören. "Ich würde super gerne mit ihm in Kontakt treten!", sagt Dan und lacht. "Aber er ist ein ziemlich beschäftigter Typ! Er hat auch keine Mailadresse und kein Management." Die Idee, ihm einfach einen Brief zu schreiben, findet Dan aber gut. "Stimmt! Ich sollte ihm einfach mal eine Dankeschön-Karte schreiben! Ich fühle mich, seitdem ich das Video gesehen habe, so viel besser! Ich treffe bessere Entscheidungen. Mein Leben ist nun weniger komplex. Früher habe ich versucht, Dinge so kompliziert wie möglich zu gestalten, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich es dennoch schaffe. Jetzt mache ich Dinge einfach besser, statt komplizierter!"

Zum Schluss muss Dan noch die Frage beantworten, die Trümmer beim letzten Interview an den nächsten Künstler gestellt haben: "Hast du jemals vor weniger als fünf Leuten gespielt und wie war das so?" Dan Deacon beantwortet die Frage für sich ganz klar: "Natürlich habe ich das! Ich habe die ersten zwei Jahre damit verbracht, sehr kleine Shows zu spielen! Ich bin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu irgendwelchen Locations gefahren, um dort zu spielen. Es war eine tolle Zeit! Ich glaube, dass Bands, die das nicht erlebt haben, die Erfahrung verpassen, zu spüren, was eine unabhängige Untergrund-Kultur tatsächlich ist. Wenn ich lese, dass das erste Album einer Band schon ein halbes Jahr im Vorhinein von Pitchfork angekündigt wird, und die erste Tour gespielt wird und ich mir die Tourdaten ansehe und sie alle Venues spielen, die ich erst viel, viel später in meiner Karriere bespielt habe, riesige Venues, dann frage ich mich, wie das sein kann! Es ist, als ob du nie wirklich gelernt hast zu schwimmen und direkt zu den Olympischen Spielen gehst! Du hattest nie den Moment am Strand oder den Spaß mit deinen Freunden, sondern gehst sofort in einen Wettbewerb, in die industrialisierte Welt der Musik! Kein Wunder, dass die alle Drogenprobleme bekommen (lacht)!"

Dan hat dann auch noch eine Frage für das nächste Interview, mit Kiasmos, am kommenden Tag. "Oh, Isländer, die sind philosophische Personen, da habe ich etwas: Wer von deinen Freunden und geliebten Personen ist die größte Inspiration für dich, um eine kreative Person zu sein?" Um die Frage selbst zu beantworten, bleibt leider keine Zeit mehr, denn sein Manager ist schon auf der Suche nach ihm. Aber im Kiasmos-Interview erfahrt ihr dann, wie philosophisch O´lafur Arnalds und Janus Rasmussen geantwortet haben.


Photo Credit: Marlena Julia Dorniak

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Gliss Riffer" (2015)
Rezension zu "America" (2012)

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