Interview

Cursive


Saddle Creek ist eines der aktuellen Vorzeige-Indielabels. Nicht nur, dass hier von Freunden etwas aus dem Nichts aufgebaut wurde, das musikalisch aufregender ist als 90% der auf Major Labels beheimateten Bands, nein, sie sind damit sogar noch erfolgreich. Dazu trägt auch Cursive entscheidend bei, und wenn man sich deren Texte durchliest, merkt man sehr schnell, dass diese Jungs neben ihrer Musik auch einiges zu sagen haben. Dass deren Basser Matt Maginn im Gespräch jedem noch so ernsthaften Satz ein kurzes Lachen hinterherschiebt, macht ihn dabei eigentlich nur noch sympathischer.

Du schreibst ja an den Lyrics nicht mit. Können wir trotzdem darüber reden, ich hätte da einige Fragen?

Matt: Lass es uns probieren.

Ihr verwendet auf "Happy Hollow" eine Figur namens Dorothy. Was, würdest du sagen, ist ihr Problem?

Matt: Sie ist ein fiktiver Charakter, die einen Teil des mittleren Westens, in dem wir aufgewachsen sind, repräsentiert. Sie ist ziemlich unglücklich mit ihrem Leben und wie es verlaufen ist, vielleicht auch etwas verwirrt. Und sie fühlt sich vom amerikanischen Traum zurückgelassen.

Ist sie denn eine Referenz zu Dorothy Gale aus "The Wizard Of Oz"?

Matt: Teilweise, ja. Sie ist eine Illusion (lacht).

Was kann, beziehungsweise, was sollte sie mit ihrem Leben anfangen?

Matt: Das ist eine gute Frage. Ich denke viele Leute sind nicht glücklich mit ihrem Leben, aber wie sollten sie das ändern? Vielleicht sollten sie ihre Arbeit aufgeben, umziehen und irgendetwas anderes machen. Am Besten einfach ihren Träumen nachjagen.

Inwieweit unterscheidet sich denn das Leben im mittleren Westen der USA vom Leben in Europa, vor allem was die Kirche betrifft? Diese wird auf "Happy Hollow" ja ziemlich stark kritisiert.

Matt: In letzter Zeit spielen Fundamentalismus und konservatives Gedankengut eine gravierende Rolle. Aber ich denke, in den Staaten wiederholen sich gewisse Muster immer wieder, es gibt Höhen und Tiefen, und momentan ist der Einfluss der Kirche im Staat ziemlich groß.

Du denkst also, dass es sich in der nahen Zukunft wieder ändern könnte?

Matt: Wir hoffen natürlich, dass es besser wird. Und ich glaube auch, dass die Leute die Fehler erkennen und wieder versuchen, die Religion aus der Politik herauszuhalten. Wir werden sehen (lacht).

Nächstes Jahr stehen große Wahlen an.

Matt: Es wäre schon sehr verwunderlich, wenn die Republikaner wieder gewinnen würden. Die Leute haben es doch langsam satt. Wir hatten es schon satt als alles anfing.

Ja, wir auch.

(beide lachen)

Lass uns doch noch etwas über die Musik sprechen. Eure Cellistin Gretta Cohn hat die Band nach "The Ugly Organ" verlassen, inwieweit hat sich das auf euren Sound ausgewirkt?

Matt: Ich würde sagen, es hat nur den Klang verändert. Sie hat ja keine Lieder geschrieben, sondern nur ihre Parts zu den Liedern, so dass sie wenig Einfluss auf die Struktur und das Songwriting hatte. Nur benötigte das Cello ziemlich viel Raum, stattdessen können wir jetzt Blasinstrumente, Klavier und derartiges verwenden. Aber ich denke, die Songs wären die gleichen gewesen, auch wenn Gretta noch in der Band geblieben wäre - nur eben mit den Cello-Parts.

Die Struktur hat sich aber schon auch etwas verändert, gerade was die vielen Breaks angeht.

Matt: Ein wenig, ja. Einige der Lieder hatte Tim schon geschrieben als Gretta noch in der Band war. Von dem her würde ich das eher als normale Weiterentwicklung ansehen und weniger Grettas Weggang zuschieben.

Ich habe mir am Wochenende noch einmal die "Spend An Evening With Saddle Creek"-DVD angesehen. Saddle Creek gibt es jetzt seit über zehn Jahren, ist der Umgang miteinander wirklich noch so familiär, wie er es zu den Anfangszeiten war?

Matt: Es ist schon so, dass viele Bands immer unterwegs sind, deswegen sieht man viele Leute nicht, wenn man dann mal zuhause ist. Außerdem ziehen häufig Leute weg und andere wieder her. Das macht die Situation natürlich komplizierter, aber wir sind uns schon noch alle ziemlich nahe.

Würdest du Saddle Creek denn mittlerweile eher als Firma sehen oder als eine Gruppe von Freunden, die sich gegenseitig unterstützen?

Matt: Gute Frage, es ist wohl eine Mischung aus beidem. Auf der einen Seite ist es natürlich eine Firma, die Geld verdient, auf der anderen werden aber viele Leute aus dem näheren Umfeld unterstützt, so dass der familiäre Aspekt nicht zu kurz kommt. Dann sind mittlerweile auch noch Bands dabei, die von weiter weg kommen und daher nicht zwangsläufig zur Familie gehören. Aber wir sind alle sehr umgänglich und gewöhnen uns schnell aneinander, deswegen klappt das sehr gut.

In der Vergangenheit habt ihr zwischen euren Alben meist Pausen gemacht, um euch anderen Projekten zu widmen. Habt ihr schon eine Vorstellung, wie das diesmal aussehen wird?

Matt: Wir werden uns auf jeden Fall etwas entspannen. Tim und Ted widmen sich bestimmt anderen Projekten (The Good Life und Mayday, d. Aut.), aber wir werden es mit Sicherheit etwas gemütlicher angehen lassen.

Arbeitest du eigentlich noch für Saddle Creek?

Matt: Nicht mehr, ich fange bei Conors Label Team Love an. Aber zuvor sind wir mit Cursive noch in Japan, und dann folgt eine lange US-Tour.

Ihr könntet doch nochmal für Festivals nach Europa kommen.

Matt: Ehrlich gesagt wissen wir noch nicht, was wir danach machen. Es ist ja ziemlich teuer, nach Europa zu kommen, und wir müssen erstmal sehen, ob wir uns das leisten können.

Ein Bekannter von mir organisiert ein Festival in der Nähe von Frankfurt, dort könntet ihr bestimmt spielen.

Matt: Das wäre lustig (lacht).

Gut, damit sind wir durch. Danke für das Gespräch, und ich freue mich schon auf das Konzert.

Matthias Kümpflein

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