Interview

Controller.Controller


Das kleine und ebenso renommierte Hamburger Molotow, der Traditionsclub auf dem Kiez, ist dafür bekannt, alle großen und wichtigen Bands zu sich auf die 30cm hohe Bühne zu holen, bevor sie die Hallen rocken. Am 13.04.06 begab ich mich direkt dorthin, um die Band Controller.Controller für ein Interview zu bemühen. Durch Stau musste ich noch ein Stunde auf sie warten und platzte irgendwo zwischen Soundcheck und Imbiss rein, um mit dem gutgelaunten und entspannten Drummer Jeff Schavan ein wenig zu quatschen.

Hallo Jeff, jetzt habt ihr mal den deutschen Verkehr kennengelernt. Ist euch bisher sonst noch etwas aufgefallen? Ist ja euer erstes Mal in Festlandeuropa.

Jeff: Ich hab viel schlechteres Essen erwartet, aber wir alle kommen auf unsere Kosten. Selbst veganes Essen bekommen wir. Die Verpflegung ist wirklich super und das deutsche Publikum macht uns sehr viel Spaß. Mein Vater ist Deutscher, der kommt aus Köln und mich hat dieses Land somit schon immer interessiert. Die Kultur, die Sprache, der Lebensstil. In den USA und Kanada wurde das alles ja von Europa adaptiert. Es ist faszinierend. Allein, dass ich hier mit dir sitze und darüber rede, ich werde es wahrscheinlich erst in ein paar Jahren alles glauben, wenn es mir da nicht schon längst wie ein Traum erscheint.

Wow, du scheinst das Musikerleben ja wirklich zu genießen. Dabei ist es in Kanada doch eigentlich nichts Ungewöhnliches mehr, durch gute Musik erfolgreich zu sein.

Jeff: Ich sehe das ein wenig anders. Kanada ist bevölkerungsmäßig kein sehr großes Land und da ist es schon fantastisch, dass so viele Bands Erfolg haben, aber die Musik die ich höre ist das sowieso nicht. Ich gehe momentan sehr auf deutsche elektronische Musik und Hardcore ab, da ist es für jeden Künstler schwierig, erfolgreich zu sein. Arcade Fire, Billy Talent und Weakerthans, das ist das, was ihr von Kanada mitbekommt, aber es geht viel tiefer. Die sind alle nur die Oberfläche. Kanada macht, ähnlich wie Schweden, sehr viel, um Künstlern zu helfen, die bekommen Instrumente, Proberäume und die Ausbildung finanziert. In anderen Ländern muss das Vorbild sein. Dann wird auch viel musikalischer Dreck erspart.

Du nimmst mir ja alle meine Themen weg Jeff, ich weiß grad gar nicht was ich sagen soll, darüber muss ich nachdenken.

Jeff: Es ist doch gut, so etwas einmal zu hören, oder? Unsere Musik ist ja mit dem selben Spirit entstanden. Einfach Spaß haben. Ein wenig Rock, ein guter Beat, eine schöne Frauenstimme und clevere Texte. Das macht uns Spaß, das macht den Leuten Spaß, die auf unsere Shows kommen. Band und Publikum, das ist ein Ding. Ein Konzert besteht aus beiden Parteien, das eine wäre doch nichts ohne das andere. Deshalb verstehe ich die Künstler nicht, die auf ihre Leute pfeifen und sagen: Wenn es euch nicht passt, dann könnt ihr uns mal. Das ist Bullshit. Uns interessiert, was Leute über uns denken, und wie wir sie zum Tanzen bringen.

Es sollte sowieso viel mehr Frauen im Musikgeschäft und in Bands geben.

Jeff: Ja, absolut. Meine Freundin spielt auch in einer Band. Frauen die Musik machen, sind doch das Beste überhaupt. Welchem Jungen macht es nicht Spaß, mit einer tollen Frau zusammen Musik zu machen? Das ist doch ein Traum. Aber es kommt: Überall gibt es bereits erfolgreiche Bands, schau dir Broken Social Scene, Architecture In Helsinki, Concrete, Metric, Sleater-Kinney und viele, viele mehr an. Die sind alle absolut super. So sehe ich das.

Wow, Sleater-Kinney? Eine meiner Lieblingsbands.

Jeff: Zurecht, zurecht.

Was hörst du denn gerade so?

Jeff: Ach viel weirdes Zeug. Les Georges Leningrad sind super, Lightning Bolt, die Band meiner Freundin No Dynamics. Machen alle tolle Sachen. Und deutsche Elektronikmusik.

In Kanada ist es ja so, dass im Winter alle Bands ausflippen und fast druchdrehen. Bestes Beispiel: Les Georges Leningrad. Aber über deutsche Elektronikmusik brauchen wir uns nicht unterhalten, da kenne ich nichts.

Jeff: Ja, dann kann was dran sein, darüber hab ich gar nicht nachgedacht, mit den durchgedrehten Bands. Das liegt eben am Winter, der kanadische Winter ist knüppelhart, da ist nichts mit Spring Break im April, wenn du frierst, dann lange und richtig, da macht man eben kranke Sachen mit seiner Band. Aber was anderes: es gibt doch wahnsinnig gute deutsche Sachen.

Sag jetzt nicht Rammstein.

Jeff: Nein, nein, nicht doch. Eher ältere Sachen. Mir fallen bloß keine Namen ein.

Auch heute ist die deutsche Musikszene durchaus reich an gutem Zeug. Slut, Blackmail, Notwist. Da gibt es viel. Bloß wird es nicht wirklich erfolgreich, so wie irgendeine beschissene britische drei-Akkord-Band, die die Mittel und den Hype im Rücken hat. Und deren Sänger am besten noch koksend durch die Yellow Press tingelt. Wobei ich die Libertines schon mag.

Jeff: Slut? Haha, sind die gut? Bei uns kommt gar nicht soviel aus England an. Wir haben ja unseren eigenen Kanada-Hype im Rücken. So wie Schweden. Bei uns und dort funktioniert das alles anders und entspannter als in England und Amerika.

Slut sind gut, ja, hör mal rein. Ich bin sehr überrascht von deiner lockeren und lobenden Einstellung.

Jeff: Das ist doch normal. Uns wird viel geboten in Kanada und die Fans und die Künstler profitieren davon. Jeder kann sich ein paar mp3s laden und sich ein Bild machen und es dann kaufen oder sein lassen. Das ist fantastisch. Das ist wirklich independent. Mich interessiert kein Majordreck, Musik soll Spaß machen und nicht wie Büroarbeit enden. Deshalb ist dieses Tourding auch so grandios. Nur meine Freundin vermisse ich ungeheuerlich.

Jeff, ich danke dir für das Interview, ich sehe dich später auf der Bühne, viel Erfolg und alles Gute.

Jeff: Wehe du tanzt nicht.

Konstantin Kasakov

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Bye-Bye



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