Interview

Chikinki


Endlich, endlich. Nach verschobenem Release ihres neuen Werkes dröhnt "Brace, Brace" nun auch aus unseren heimischen kleinen Lautsprechern. Weil uns die trotzdem nicht reichen, stellten wir uns im Stuttgarter Keller Klub vor die Großen. Und plauderten kurz vor dem Gig mit Steve und Boris über Bühnenglitzer, nackte Fans und das zwanghafte Hip-sein-müssen der Londoner Indieszene.

Ihr hattet im Sommer 2006 bereits ein Interview mit uns, in dem ihr sagtet, das Album sei bereits fertig. Weshalb gab es eine solch große Verzögerung?

Steve: Ja, es war schon eine Weile fertig. Aber das hängt dann einfach von den verschiedenen Leuten in verschiedenen Ländern ab, all dieser langweilige Record-Company-Shit, das ist nicht sehr aufregend. Aber nun sind wir sehr froh, dass es erschienen ist.

Die Tour im April wurde dann ja leider ebenfalls verschoben.

Steve: (erstaunt) Echt?

Ja, tatsächlich. (ich muss lachen)

Steve: Naja, wir hatten das neue Album am Start, und da war es sinnvoll, mit der Tour zu warten, bis es veröffentlicht ist. So haben wir uns eine kleine Pause genommen, um an einigen Projekten zu arbeiten und andere Dinge zu tun.

Boris: Es war uns aber auch ganz recht. Ich denke, wir haben ein wenig Zeit zum Zurücklehnen gebraucht, weil wir sehr sehr viel getourt sind. Ich meine, wir lieben es, zu touren, verschiedene Orte zu sehen.

Steve: Aber wirklich jeden Tag zu spielen, kann auch mal keinen Spaß machen. Wenn der Glitzer weg ist, muss man stoppen. Und wenn du dann wieder zurückkehrst, erinnerst du dich daran, wieso und vor allem wie gerne du das überhaupt alles tust.

Bei Brace, Brace fehlt dieses etwas harte Elektronische, was bei Lick Your Ticket ja sehr herausstach. Was ist für euch selbst der Unterschied zwischen Lick Your Ticket und Brace, Brace?

Steve: Naja, das Elektronische ist eigentlich im gleichen Ausmaß vertreten wie auf Lick Your Ticket. Brace, Brace hat vielleicht auf irgendeine Weise mehr Gitarren, ja. Aber es ist eher dieses leisere Elektronische.

Boris: Für uns sind das zwei sehr unterschiedliche Alben. Wir hatten soviel Zeit, Lick Your Ticket zu schreiben, wir schrieben Songs um und schrieben sie wieder um und so weiter, wir hatten wirklich viel Zeit. Dann sind wir viel herumgekommen, das ändert natürlich deine Sichtweise. Auch, wie du Songs schreibst oder spielst. Bis zu diesem Album wollten wir klingen, wie wir es auf der Bühne eben tun, und nicht wie eine Popband. Es lief alles viel experimenteller. Damals haben wir auch viel Homerecording gemacht. Aber irgendwann wollten wir beweisen, dass wir nicht nur strange Musik machen können. Wir haben zwar die B-Seiten auch noch veröffentlicht (auf dem Album "The Baloon Factory", Anm. d. Red.), waren dann aber an dem Punkt, an dem wir Poppigeres schreiben wollten.

Auch in England herrscht nun das Rauchverbot in Clubs und Konzerthallen. Die Meinungen sind ja sehr gespalten. Wie denkt ihr darüber?

Boris: Wir finden das im Großen und Ganzen sehr gut. Aber hier in Deutschland gibt es so viele Sonderausnahmen, das ist irgendwie verrückt. Irgendwie rauchen in Clubs trotzdem immer irgendwelche Leute.

Unterscheiden sich deutsche Konzertgänger von den britischen?

Steve: Ja. Ich habe das Gefühl, in Deutschland wird einem mehr Respekt entgegengebracht, weil sich die Leute viel intensiver mit Musik beschäftigen. Gerade in London sind Konzerte nicht wirklich etwas Besonderes mehr, weil die Leute ständig Zugang zu britischen Bands haben. Die Leute dort sind so hip, dass sie eine Band hochjubeln, nach einem Song aber wieder fallen lassen, weil es so ein unglaubliches Überangebot gibt. Und man ja natürlich immer das Neueste und Hipste hören muss...

Chikinki wurde zu eurer Studentenzeit an der Uni Bristol gegründet. Gab es eine Zeit, in der euch die Musik wichtiger war als das Studium?

Boris: Ehrlich gesagt war sie das während meines gesamten Studiums (lacht). Es war schon furchtbar cool, während der Studentenzeit ziemlich bekannt zu sein, aber wir wollten irgendwie nicht, dass die Leute in Bristol uns zu schnell satt haben, und haben deswegen auf diverse Gigs verzichtet.

Was habt ihr denn eigentlich studiert?

Steve: Musik.
Boris: (ironisch-stolz) Und ich Ingenieursmathematik. Was mich in die oberen fünf Prozent der intelligenten Chikinki-Mitglieder bringt.

Gab es einmal ein krankes Erlebnis auf der Bühne?

Steve: (überlegt nicht lange) Ja. Es gab einmal so ein Public-Nudity-Erlebnis. Irgendein Mädchen stellte sich hinter Ed und hielt seine Gitarre. Das war sehr, äh, interessant.

Boris: Das war ein ziemliches Chaos auf der Bühne. (lacht)

Steve: Uns stört das aber nicht. Also, wenn jemand das Bedürfnis hat, sich auszuziehen, gerne.

Habt ihr Vorsätze für das nächste Jahr?

Steve: Wir werden wahrscheinlich anfangen, neue Songs zu schreiben. Aber wir haben trotzdem immer noch eine Menge Arbeit mit Brace, Brace vor uns. Es wird noch viele Gigs und Festivals geben. Sonst haben wir eigentlich nie Vorsätze, außer eben ein Album zu haben, das wir an verschiedenen Orten auf der Bühne präsentieren können. Das wäre vor einigen Jahren auch schon die Antwort auf diese Frage gewesen. Das Album fertig kriegen, spielen, und schauen, wie es den Leuten da draußen wohl gefallen wird. Wir werden aber nie "das" nächste Album machen. Wir planen es nicht. Auch nicht, wie es klingen wird. Wir lassen es einfach wachsen.

Stefanie Graze, Philipp Friedrich

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