Interview

Ben Caplan


Nach seinem 2015er Album "Birds With broken Wings" tourt Ben Caplan seit letztem Jahr durch Europa. Dies führt ihn unter anderem auch ins Berliner Badehaus Szimpla, wo er sich mit uns auf ein Interview trifft. Er spricht über sein Schaffen, Politik und darüber, dass er Dylan nie verstanden hat.

Erster Eindruck: Caplans Gesicht besteht tatsächlich aus wahnsinnig vielen Haaren. Zweiter Eindruck: Das Image des Vintage-Gelehrten erfüllt er problemlos, antwortet mit gewählten Worten, ist wahnsinnig höflich und sieht super neben seinem Rotwein-Glas aus.

Deine Tour war beinahe komplett ausverkauft! Glückwunsch dazu!

Ben: Ja, danke! Ich weiß, es hat mich überrascht und natürlich wahnsinnig gefreut.

Du bist dieses Mal mit der ganzen Band unterwegs, genießt du das im Gegensatz zum letzten Mal, als du komplett alleine unterwegs warst?

Ben: Das kommt drauf an. Es kann schon auch schön sein, ganz alleine zu touren, allerdings darf die Tour dann nicht allzu lang sein. Man denkt nämlich tatsächlich viel über sich nach und irgendwann kommen einen alle seine Dämonen besuchen. Zerstreuung klappt also mit mehreren Leuten unterwegs viel besser, es sei denn, sie gehen einem auf die Nerven. Dieses Mal habe ich das Glück, dass wir uns als Band super verstehen und vor allem musikalisch einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Wir funktionieren auf der Bühne immer besser, das macht wahnsinnig viel Spaß!

Findest du es da nicht schade, sich dann als Band wieder zu trennen und das nächste Mal wieder ganz neue Musiker bei sich zu haben? Deine Besetzung wechselt ja tatsächlich stetig, oder?

Ben: Daran habe ich mich im Laufe der Zeit schon gewöhnt. Klar muss man sich immer wieder neu auf die Personen einstellen, das kann aber auch sehr gut sein: Man muss stetig an sich und den anderen arbeiten! Unser Violinist zum Beispiel hat nur die erste Hälfte der Tour gespielt und musste nun zurück nach Kanada, der Schlagzeuger hingegen ist schon länger mit in meiner Band. So muss man sich halt jedes Mal eingrooven.

Deine Songs wirken immer, als würdest du Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit erzählen. Ist diese nostalgische Wirkung deiner Songs gewollt?

Ben: Das Songwriting ist für mich ein großes Mysterium. Ich habe absolut keine Ahnung, wie es bei mir funktioniert – es passiert einfach! Allerdings hatte ich, seit ich denken kann, ein Gespür für Musik und mir fiel es immer leicht, mit Instrumenten und Melodien umzugehen.

Schnappst du die Geschichten, die du erzählst, denn einfach auf? Durch Zuhören?

Ben: Durchaus! Oder durch Zuschauen, durch Gespräche und Erlebnisse. Manchmal lese ich irgendwo etwas und es interessiert mich, oder ich vergesse es und dann fällt es mir irgendwann wieder ein. Mich beeindruckt es auch sehr, wenn mir jemand anderes in einem Song eine gute Geschichte erzählt. Wie etwa Bob Dylan, der mich immer und immer wieder einholt. Bei manchen Songs von ihm dachte ich seit Jahren, ich hätte sie verstanden und dann höre ich sie mir irgendwann wieder an und merke, dass ich gar keine Ahnung habe und erlebe den Song und die Geschichte dazu noch mal ganz neu. Das ist genial!

Bob Dylan beeindruckt dich also. Gibt es sonst noch einen Musiker oder einen Song, der dich komplett umhaut?

Ben: "America" von Simon & Garfunkel. Einen solchen Song zu schreiben muss man erstmal hinbekommen. Das zieht dir die Schuhe aus. Und es ist dasselbe wie bei Dylan: Die schreiben Stücke, die dich Jahrzehnte lang faszinieren. Beeindruckend!

Neben den Geschichten die du aufschnappst, beeinflussen dich denn auch äußere Umstände in deinem Leben beim Schreiben?

Ben: Absolut! Die letzten zehn Jahre in Kanada waren bestimmt von einer rechts-konservativen Regierung, die schreckliche Dinge durchgesetzt hat: Minderheiten wurden aktiv diskriminiert, das soziale System wurde unterwandert und Freiheiten beschnitten. Es war schrecklich! Es ist dasselbe, was hier in Europa aktuell um sich greift. Derartige Dinge spiegeln sich in meiner Arbeit als Songwriter natürlich wieder. Wir sind alle sehr glücklich über den aktuellen politischen Umschwung. Es kann nur besser werden!

Darüber hinaus hört man in deiner Musik immer einen deutlichen Klezmer-Einschlag...

Ben:...der eindeutig durch meine jüdischen Wurzeln kommt. In meiner Familie wurde beispielsweise viel Jiddisch gesprochen und Klezmer gehört. Ich selber spreche allerdings wenig davon und kann leider kaum noch Hebräisch. Komischerweise schreibe ich in letzter Zeit aber immer mehr Songs, die diesen Klezmer-Einschlag nicht mehr haben. Ich weiß gar nicht, warum das so ist!

Der jiddische Witz ist dir aber scheinbar auch vererbt worden, wenn man dir so auf der Bühne zuschaut!

Ben: (lacht) Das kann sehr gut sein! Auf der Bühne funktioniert das super! Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute sich eher fallenlassen, wenn man ihnen ein wenig Wahnsinn serviert. Mich fasziniert das Groteske und etwas Zynismus – das gab es in meiner Familie schon immer. Du müsstest mal meine Oma kennenlernen.

Gut, dann interviewe ich das nächste Mal sie! Vielen Dank dir fürs erste!

Silvia Silko

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