Festival-Nachbericht

XJazz 2015


Nicht unbedingt kann man das bunte Treiben der Kreuzberger Wochenendabende von dem an anderen Wochenenden unterscheiden. Der übliche Mix an jungen Leuten, Alteingesessenen und Touristen ist unterwegs, doch wenn man an diesem zweiten Maiwochenende genauer hinhört, geht es häufig um Musik. Denn es ist XJazz-Festival.

In verschiedensten Locations in Kreuzberg, dem Lido, Privatclub oder der Emmauskirche am Lausitzer Platz spielen Jazzacts im weiteren Sinne, modern angehaucht ist das Lineup, soll die Jazzhörer für elektronischere Musik begeistern und die moderne Jugend für Jazz. Dieses Konzept geht ganz hervorragend auf, wenn etwa zu Brandt Brauer Frick im vollen Lido am Donnerstagabend sämtliche Generationen ausgelassen tanzen und ein großartiges Konzert leider viel zu kurz andauert. Elektro mit Liveschlagzeug macht das mittlerweile auch weit über Berlin hinaus bekannte Trio, organische Tanzmusik.

Ein weiteres Highlight des Festivals stellt sicher das Andromeda Mega Express Orchestra (s. Foto) dar, das seinem Namen alle Ehre macht. Ein bunter und großer Haufen, der die Bühne des Lido fast überfüllt, mit sympathischer Ausstrahlung und der puren Lust an der gespielten Musik. An die 20 Menschen stehen auf der Bühne, Bläser, Streicher, der verrückte Schlagzeuger Andi Haberl (auch The Notwist), Gitarre, Bass, Harfe, alles, was das Herz begehrt. Komponist Daniel Glatzel führt auf seine Art charmant durch das Konzert, das aus einer Handvoll langer Stücke besteht, die allesamt vollkommen zu begeistern wissen. So sogar auch das schräge letzte Stück, das nur eine Ansammlung weirder Geräusche in Kombination mit Räuspereinlagen des Publikums darstellt. Völlig ausgelassen feiert das Publikum die Band geschlossen so lange, bis sie die Notenständer wieder auf die Bühne zurückträgt und von der Festivalleitung noch eine Zugabe ermöglicht bekommt. Während der zweistündigen Pause bis zum nächsten Konzert hört man an der ein oder anderen Ecke Menschen von diesem Konzert munkeln.

Bis es dann mit Jacques Palminger und seinem 440 Hz Trio inklusive der Sängerin Lydia im Privatclub noch schräger wird. Palminger, natürlich galant im Anzug und mit perfekt gezupftem Schnurrbart, erklärt ausschweifend, dass dieser Abend jetzt schon unvergesslich großartig sei, bevor überhaupt ein Ton gespielt ist. Und dann gibt es eine Stunde sprießende Kreativität, dadaistische Ideenaneinanderreihungen Palmingers, die er über den Sound der jazzenden Band drüberquatscht. Manche Songs, bei denen Sängerin Lydia und der Pianist der Band ein Duett eingehen, spielen mit der Grenze des Aushaltbaren, aber spätestens, wenn Jacques Palminger die Stücke abschließend mit einem "Wow!" kommentiert, ist der Vogel abgeschossen.

Hinter dem XJazz-Festival steht eine gute Idee, die sehr gut umgesetzt wird. Dass das Festival sich auf den ersten Eindruck nicht aufdrängt, passt zum Konzept, sich in der lokalen Szene zu bewegen und sich dieser zu bedienen. Trotz aller Unauffälligkeit besuchen das Festival bis zu 10000 Zuschauer, denen das hervorragende Booking sicher noch einige Highlights mehr als die hier besuchten Konzerte geboten hat. Ein Festival, das man im Überangebot der Hauptstadt definitiv im Auge haben sollte, denn es lohnt sich.

Daniel Waldhuber

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