Festival-Nachbericht

Southside Festival


Donnerstag 24.06.04

Anreisetag! Der stressigste Tag eines Festivals! Wie immer werden alle Besorgungen und das Packen nach ganz hinten verschoben. Schließlich schafft man es aber doch um 16 Uhr zu starten. Mit zwei Mitfahrern zu reisen macht Spaß, bei 30° C weniger. So ist man bereits völlig verschwitzt und erschöpft als man gegen 18.30 Uhr ankommt. Das Festival hat doch noch gar nicht begonnen! Auf der Schwäbischen Alb ist es deutlich kühler und ein satter Wind weht noch dazu. Egal, Freude überwiegt, dass man endlich da ist und der Rest unserer Helga- Gruppe wartet bereits. Was ein Timing! Ein paar Sachen mitgenommen, den Bollerwagen vollgepackt und die Ansteherei beginnt. Mit Hilfe unseres Bollerwagens pfügen wir uns den Weg durch die Menge. Nach einer Stunde, endlich das Bändchen am Arm, geht es sogleich auf die Suche nach DEM Campingplatz. Einig ist man sich nicht sofort, aber dann ist er doch gefunden und die Stadt entsteht. Anders kann man es nicht nennen, denn wir sind die einzigen Größenwahnsinnigen, die 36m² Pavillion haben. Um 22.30 Uhr ist dann schließlich auch mal alles aufgebaut. Nach verdienter Mahlzeit und verdientem Alkohol geht es später als erwartet ins Zelt.

Freitag 25.06.04

Die Nacht war kalt, arschkalt sogar! Zum Entsetzen vieler, beginnt es auf einmal zu regnen. Das Ganze stellt sich jedoch nur als kurzer Schauer heraus, den restlichen Tag bleibt es leicht bewölkt. Ungeduld macht sich breit! Spielt die erste sehenswerte Band doch erst um 17.30 Uhr. Durch Grillen und allerhand Blödsinn wird die Zeit vertrieben. Dann geht es los.

Erst ein wenig das Gelände inspizieren. Die Bühnen stehen beängstigend nah beieinander. "Gibt es da keine Tonüberschneidungen?" fragt man sich. Es wird sich herausstellen, dass die Bedenken unbegründet sind. Schon die erste Band, Amplifier, lässt ahnen, dass das ein geniales Wochenende wird. Sel Belamir wirkt unglaublich winzig auf der hohen Bühne, der Sound hingegen ist alles ander als mickrig. Obwohl nur zu dritt, entfesseln die drei Briten ein wahres Klangfeuerwerk ihres Debütalbums. Leider spielen sie nicht die zwei besten Songs "ON/OFF" und "UFOs", ansonsten war das schon mal ein guter Start.

War es zu Beginn noch eher leer auf dem Gelände, füllt es sich allmählich, denn auf der Hauptbühne startet der große Hip-Hop Abend mit den Beginnern. Darauf haben wir aber keinen Bock und wird auff Tomte gewartet. Thees Uhlmann und seine Mannen belohnen die Geduld mit einem intensiven Konzert, bei dem die Setlist von der Helga- Redaktion hätte kommen können. Zwischendurch immer wieder die witzigen Ansagen von Thees, da schmunzelt auch der traurige The Cure- Fan ein paar Meter weiter. Beendet wird der Gig natürlich mit " Die Schönheit der Chance" und damit liegt die Messlatte für die anderen Bands schon mal schwindelererregend hoch.

Der Black Rebel Motorcycle Club im Anschluss schafft die Hürde schonmal nicht. Die haben nämlich in erster Linie stark mit ihren Instrumenten zu kämpfen und so wird das Ganze eher zu einem Unplugged- Konzert. Nach einer halben Stunde ist dann auch schon wieder Schluß. Schade eigentlich, das hätte was ganz Großes werden können, aber manchmal läuft halt alles schief.

Nach längerem Aufenthalt bei den Zelten geht es am späteren Abend zum Abschluss des Tages noch zu den Fantastischen Vier. Als wir eintreffen haben die schon angefangen, aber eine super Sicht ist auf dem Southside kein Problem, egal wie spät man kommt. Die Fantas haben sichtlich Spaß auf der Bühne und kommen mit exzellenter Liveband und Lichtshow daher. Ganz elegant sind die Vier in weiß gekleidet und stechen so perfekt aus dem Bühnenbild heraus. Die Setlist besteht vorwiegend aus dem kommenden Album und macht dieses sehr schmackhaft. Natürlich fehlen auch die alten Hits nicht, so dass alle zufrieden sind und auch der Nicht- Hip- Hop Fan seinen Spaß hat.

Samstag 26.06.04

Nach einer weiteren Polarnacht wird man frühmorgens von der Sonne aus dem Zelt gebrannt. Keine Wolken, strahlend blauer Himmel und bereits hohe Temperaturen machen Lust auf den weiteren Tag. Heute geht es viel früher los. " Viel Spaß," sagt die Security am Haupteingang. " Hat er das wirklich gesagt?" Die friedliche Stimmung scheint auch den sonst gestressten und wortkargen Sicherheitsleuten zu gefallen. Dann kommt eine SMS: " David Bowie hat aus gesundheitlichen Gründen abgesagt!" Ja, alles klar, denken wir und gehen zur Bühne. Da steht die selbe Meldung nochmal groß auf der Leinwand! OH NEIN!!!!!!!!! Der Meister kommt nicht! Kurz wurde mit den Tränen gekämpft, doch es muss weiter gerockt werden!

Um 13.20 Uhr rocken Fireball Ministry vor drei, vier dutzend Leuten, die sich trotz extremer Hitze vor die Bühne gewagt haben. Die Mucke ist so trocken wie der Boden mittlerweile. Stonerrock eben. Die Band gibt sich zudem sichtlich Mühe alle Klischées des Hardrock zu erfüllen. Da wird fleißig das Haupthaar geschüttelt und kräftig gespuckt. Alles in allem trotzdem recht ansehnlich, besonders die beiden Damen an den Saiteninstrumenten, die wohl ihre knappsten Sachen aus dem Kleiderschrank geholt haben. Kurze Pause, dann McLusky. " Die rocken live wie Sau!" hat man vorher noch zu mir gesagt. Und wie! Das Trio aus Wales gibt alles. Jon Chapple am Bass, diesmal nicht in einem lächerlichen Kostüm, sieht aus wie ein braver Student, wenn seine krampfartigen Schüttelanfälle und wilde Stageaction nicht wären. Das ekstatisch tanzende Publikum freut sich jedenfalls und wirbelt gewaltig Staub auf. Völlig verschwitzt ist dann schließlich nach einer halben Stunde Schluß "Album kaufen!" steht nach dem Konzert auf der To-do - Liste.

Viel ruhiger geht es danach bei Ash zu. Obwohl das neue Material mehr nach vorne rockt, kommen eben diese Songs nicht so gut an. Es sind in erster Linie immer noch die schönen Popsongs, mit denen Ash punkten. Optisch natürlich immer noch Favorit beider Geschlechter: Da steht in der Mitte zum einen Tim Wheeler, der abgesehen von seiner Größe gut und gerne Calvin Klein Model sein könnte, zum anderen links von ihm die bezaubernde Charlotte Heatherly, die wieder ihren kürzesten Minirock trägt. Letztendlich konnte das alles aber nicht so recht überzeugen, dafür waren die vorangegangenen Bands zu gut. Zurück zur zweiten Bühne, denn da fängt gleich einer der Newcomer des Jahres an: Mando Diao. Typisch schwedisch gibt man sich überzeugt cool und gibt den Entertainer. Der Großteil der Fans geht auch gut zur Musik des Debüts "Bring ´em in", aber irgendwie lässt das einen doch eher kalt. Der Sound kann nicht wirklich überzeugen und man meint, man hätte das alles bereits tausendmal gehört. Ins Album vorher mal reinhören wäre vielleicht besser gewesen.

Jetzt begann der große Marathon an der Hauptbühne. Zuerst Life of agony. Nach Jahren der Trennung gaben Keith Caputo und Co. letztes Jahr ihr Comeback und beehrten nun wieder deutsche Festivals. Und ja! Sie haben nichts verlernt! Der typische Auftakt mit "River runs red" und "These times" trieb so manchen die Freudentränen in die Augen. Auch wenn der Sound teilweise etwas schwammig war, so rockten Life of agony doch ordentlich durch ihr Set. Leider spielten sie auch diesmal nicht "Let´s pretend", warum eigentlich?

Nun sollten die Sportis, aufgrund von Bowies´ Absage von der 2nd Stage auf die Hauptbühne verlegt, die Leute zum "roquen" bringen. Erstaunlich, was die Band in Deutschland schon für einen Stellenwert hat! Weiter vorne war Platz nun nämlich ein Fremdwort und auch weiter hinten füllte es sich zusehends. Man kann die drei Münchner auch unmöglich unsympathisch finden. Dazu noch die zahlreichen Ohrwürmer und die superlustigen Ansagen von Peter, Flo und Rüde. Demnächst als Headliner bei einem Festival ihrer Wahl.

Dann war es endlich soweit! Was haben alle auf diesen Auftritt gewartet! Nach 15 Jahre Pause endlich wieder auf deutschen Bühnen: DIE PIXIES! Keine Lichtshow, keine Ansagen, keine Bewegungen auf der Bühne. SCHEIßEGAL! Der perfekte Sound, die perfekte Setlist und schlichtweg die perfekte Aura dieser Band machens möglich! Ab und an kann man einen Anflug von Rührung in den Gesichtern von Frank Black (oder nennt er sich jetzt wieder anders?) und Kim Deal erkennen. Natürlich muss es eine Zugabe geben und auch nach der will der tosende Applaus nicht abebben.

Doch wir haben ja noch mit Placebo den Co- Headliner, der zum Headliner wurde. Der Abschluss ihrer beinahe 2jährigen Welttour soll es werden und der wird selbstverständlich passend in Szene gesetzt. Die Lichtshow raubt jedem einfach den Atem. Brian Molko, der seine Haare wieder länger trägt, hat sichtlich Spaß und Bassist Stefan Olsdal tanzt tuntig wie eh und je. Alle Hits werden natürlich auch gespielt. Wieviele sind das eigentlich mittlerweile? 20? Jedenfalls kommt bei keinem Song Langeweile auf und so sollte es sein. Nach der obligatorischen Zugabe war dann Schluß um 1.00 Uhr. Das reicht auch. Beine und Rücken schmerzen, man ist am Ende und will nur noch ins Zelt.

Sonntag 27.06.04

Endlich mal geschlafen ohne die Gefahr Gefrierbrand zu bekommen. Auch heute brennt die Sonne unerbittlich. Es geht wieder früh los, aber vorher muss noch alles abgebaut werden, will man doch schon nach dem letzten Konzert abfahren um sich den Stress am nächsten Morgen zu sparen. Nachdem dies erledigt war und man noch ein letztes Mal auf dem mittlerweile eher als Mülldeponie zu bezeichnenden Campingplatz gegrillt hat, geht es schließlich zum Endspurt.

Anfangen dürfen heute Danko Jones und seine zwei Mitstreiter. Gewohnt dreckig rocken sie nach vorn und Danko schwitzt buchstäblich Blut, nachdem er sich selber die Fresse poliert. Leider fällt ihm durch die vielen Schläge auch keine neuen Ansagen mehr ein und so bleibt ein fader Beigeschmack. Dennis Lyxzen von den nachfolgenden The (International) Noise Conspiracy beweist hingegen, dass er immer noch die Frontsau ist, die er schon bei den seligen Refused war. Auch der Rest der Band zeigt enorme Spielfreude und überzeugt durchweg mit klasse Songs und einem stilecht kommunistischen Bühnenbild.

Billy Talent im Anschluss machen da weiter, wo T(I)NC aufgehört haben. Die Menge tobt zu den Songs des tollen Debütalbums. Benjamin Kowalewicz hat auch seinen Spaß, als er schon beim zweiten Song das Drumset von Geburtstagskind Aaron Solowoniuk zerlegt und immer wieder mit dem Publikum flirtet. Styltechnisch hätte ihm aber vielleicht jemand sagen sollen, dass eine pinke Strähne nicht so der Bringer ist. Dann doch lieber die Wayne Static Frisur für Arme vom Gitarristen.

Dann der Hype des Jahres: Franz Ferdinand! Völlig ohne Starallüren kommen sie auf die Bühne. Kein Bühnenbild, einfach nur vier Musiker mit ihren Instrumenten. Wenn man erst ein Album am Start aber, dieses aber nur aus Hits besteht, hat man live schon gewonnen. Alle tanzen zu dem Mix aus Rock, Disco und Pop, sogar Moshpits bilden sich! „ Ich heiße superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch…“ wird schießlich der Abschlusschorus eines Klasseauftritts.

Plötzlich fängt es an zu schütten. Monster Magnet fallen somit unfreiwillig für uns aus und wir flüchten zuerst unter den Deckel einer Mülltonne und dann doch ins Zelt um die durchnässten Klamotten zu wechseln.

PJ Harvey hat schon angefangen, als wir wieder zurückkehren, die Wolken hatten sich verabschiedet. Ihr verstörendes Set kommt auf einer so großen Bühne nicht richtig zur Geltung und so wissen nur diejenigen ihren Auftritt zu schätzen, die auch ihre Songs kennen. Man ist zwar schon an der Grenze seiner Kräfte, aber für die Hives will man dann doch noch mal ganz nach vorne, wo es weh tut. Schmerzhaft wird es auch, denn die Menge verwandelt sich in ein Tollhaus als Pelle Almquist und der Rest ihre Hits losfeuern. Auch das kommende Album kommt nicht zu kurz und man hört bereits heraus, dass auch hier wieder der ein oder andere Hit dabei ist. Pelles´ Ansagen sind natürlich wieder großkotzig, aber spitze. Nach einer kurzen Zugabe ist dann auch schon Schluß.

Als perfekter Abschluss eines perfekten Festivals beehren uns The Cure. Gänsehautathmosphäre ist angesagt. Robert Smith zeigt sich erstaunlich kommunikationsfreundlich, an dem Ausscheiden der Engländer kann das nicht liegen. Die sensationelle Lichtshow rundet das Ganze noch ab und unsere Gruppe steht weiter hinten und hört verträumt zu.

Etwas wehmütig nimmt man schließlich Abschied. Man ist sich einig: Nächstes Jahr wieder!

Benjamin Köhler

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