Festival-Nachbericht

Sonnenrot Festival


Freitags kurz nach Mittag: Das Gepäck ist verstaut und der Wetterbericht exzellent. Guter Dinge macht man sich auf den Weg zum Sonnenrot-Festival, schließlich ist dieses Jahr wohl nicht damit zu rechnen, dass die Polizei aufgrund extremer Unwetter das Gelände räumen muss (wie im Vorjahr geschehen). Um eines vorwegzunehmen: Dazu kam es auch nicht, wenngleich Wetterkapriolen das Festival doch erneut zu einer turbulenteren Angelegenheit machten als erwartet. Am Festivalgelände angekommen weiß man davon natürlich noch nichts, freut sich aber über die schnelle und effiziente Bändchenvergabe und macht sich – am gut bevölkerten, aber doch noch idyllischen Badesee vorbei – auf den Weg zum Campingplatz. Auch hier keine Warteschlangen, wenngleich die Securities jede Tasche kontrollieren und es insbesondere mit Glasbehältnissen sehr genau nehmen. Andere, weit gefährlichere Gegenstände wie beispielsweise Spitzhämmer werden hingegen großzügig durchgewunken. Dennoch allgemein an die Securities, die sich das ganze Festival über freundlich und entspannt zeigten, ein Lob.

Der Campingplatz selbst weist eine überschaubare Größe auf und ist nicht zu vollgestopft. Auch Freitag Nachmittag – als die ersten Bands bereits spielen – ist noch ausreichend Platz vorhanden, einige Ecken des Platzes (etwa ein größerer Hügel, auf dem das ganze Festival über nur ein einziges Zelt steht) sind dem Publikum offenbar nicht einmal als solche bekannt. Dies mag allerdings auch daran liegen, dass rund 10000 Festivalbesucher erwartet worden waren, im Endeffekt aber nur geschätzte 7000-8000 anreisten. Um 17:00 dann mit Get Well Soon ein erstes Highlight – leider aber nur vom Zeltplatz miterlebt. Dennoch ist der Sound sogar über die Distanz von etwa 300 Metern noch klar und die Lautstärke ausreichend, so dass die Live-Qualitäten der Band um Konstantin Gropper nicht im Verborgenen bleiben. O-Ton eines Mitreisenden: "Wenn bei Rock am Ring der Sound vor der Bühne genauso ist wie hier am Zeltplatz, hat man Glück gehabt." Nachdem die Stereophonics, die klangtechnisch stark an Oasis erinnern, ebenfalls noch bei einem kühlen Bierchen (die gibt es auf dem Campingplatz für 1,60 EUR am Bierstand zu erwerben) vor dem Zelt gehört werden, geht es dann gegen 19:00 zu den Kilians aufs Festivalgelände.

Dort fällt erstmals das Bühnenkonzept des Sonnenrot auf. Es gibt zwar zwei Bühnen, eine am linken Rand und eine im Zentrum des Festivalgeländes, jedoch spielen nie zwei Bands gleichzeitig, sondern die Bühnen wechseln sich gegenseitig ab. Folglich laufen alle Festivalbesucher in regelmäßigen Abständen – immer dann, wenn eine Band gerade ihr Konzert beendet hat – zur anderen Bühne, wo direkt im Anschluss die nächste Gruppe beginnt. Lästige Umbaupausen laufen so im Verborgenen ab, und Soundüberschneidungen zwischen den Bühnen treten wenn überhaupt nur kurz im Rahmen des Soundchecks auf. Im Gegenzug besteht allerdings auch kein Alternativprogramm zu subjektiv uninteressanten Bands. Aber irgendwann muss man ja auch mal etwas essen (auf dem Festivalgelände leider zu relativ gesalzenen Preisen) oder kurz zum Zelt zurück. Das ist schnell erledigt, denn die Wege sind – wie schon von vergangenen Ausgaben des Sonnenrot bekannt – angenehm kurz.

Doch nun zurück zu den Kilians, die eine routinierte Show abliefern und ihre im "wir sind jetzt bekannt"-Überschwang angeeignete Arroganz (die ihnen zumindest von manchen nachgesagt wird) glücklicherweise wieder abgelegt haben.

Danach spielen Flogging Molly, die die Menge völlig zum überkochen bringen, und das obwohl drei Songs lang der Sound kaum funktioniert. Vielleicht musikalisch nicht der beste Gig des Festivals (die Songs der Irish-Folk-Punk-Kapelle ähneln sich einfach zu stark), aber in jedem Fall der euphorischste. 2raumwohnung im Anschlus wollen so gar nicht zu den vorhergehenden Bands passen und liefern auch keinen besonders überzeugenden Auftritt ab, werden vom Publikum aber dennoch gefeiert. Wer dann wieder zum Campingplatz geht, weil ihn Jan Delay nicht interessiert, hat Glück gehabt. Sobald dieser die Bühne betreten hat, ergießen sich wolkenbruchartige Regenfälle über das Gelände, während sich Blitze und ohrenbetäubende Donner die Klinke in die Hand geben. Auch Jan Delay wirkt dabei leicht verängstigt, obwohl er unter dem Bühnendach im Trockenen steht. Als sich der Regen wieder legt und das Gewitter halbwegs vorbeigezogen scheint, dann die überraschende Ansage: Jan Delay muss seinen Gig aus Sicherheitsgründen abbrechen, da offenbar schon wieder eine neue Gewitterfront im Anmarsch ist. Nachdem man dafür auf dem Festivalgelände aber keine Anzeichen erkennen kann, sinkt die Stimmung beim Publikum spürbar. Im Endeffekt kommt das Unwetter auch tatsächlich nicht zurück, und nach einer längeren Pause dürfen zu später Stunde auch die Donots auf die Bühne. Die schlagen sich überraschenderweise sogar richtig respektabel und heizen immer wieder das Publikum an, das den Funken, dankbar darüber, dass die Bühne an diesem Tag doch nochmal bespielt wird, bereitwillig überspringen lässt. Doch noch ein gelungener Abschluss des ersten Festivaltags.

Am nächsten Tag ist etwas früheres Aufstehen angesagt, denn The Marble Man spielt schon um 11:25. Wohl denen, die es zu dieser Zeit schon auf das Festivalgelände schaffen, denn alle anderen verpassen einen sehr guten Auftritt von Singer/Songwriter Josef Wirnshofer und seiner Band, die er auf Konzerten mit dabei hat. Deren ruhiger Indie-Folkpop eignet sich perfekt dazu, einen Festivaltag stimmungsvoll einzuläuten. Danach wieder mal ein Bruch im Lineup, denn wo man eigentlich mit einer weiterhin ruhigen Fortführung des Programms rechnen darf, betreten Disco Ensemble die Hauptbühne. Obwohl die vier Finnen sich auch in Deutschland mittlerweile einen Namen gemacht haben, spielen sie schon um 12:00 Mittags. Entsprechend wenig Publikum ist auch vor der Bühne zu finden, doch die paar hundert, die da sind, tanzen und pogen sich zum energiegeladenenen Emo-Rock des Quartetts (das sich von der geringen Zuschauerzahl nicht beeindrucken lässt, sondern eine mitreißende Show abliefert) die Seele aus dem Leib. Ja, Panik! – die besser in den Slot nach The Marble Man gepasst hätten als Disco Ensemble – funktionieren dagegen live zumindest an diesem Tag weniger gut als auf Platte. Nicht so Friska Viljor, die gefühlt auf jedem Festival in Deutschland anzutreffen sind. Doch ihr melodiöser Schweden-Pop passt auch einfach überall gut ins Lineup.

Gererell befindet sich der Nachmittag primär in der Hand skandinavischer Bands. Dúné aus Dänemark sind die nächsten, und ziehen alle Register, um das Publikum auf ihre Seite zu bringen. Zwar besteht die Band aus sieben allesamt noch sehr jungen Mitgliedern, doch hält sich konstant der Eindruck, dass man den dargebotenen Elektro-Rock locker auch mit maximal vier Musikern hinbekommen hätte können. Den sich dadurch bietenden Freiraum nutzt das Personal, um wild über die Bühne zu springen, während der androgyne Sänger auf den Streben am Rand der Bühne herumklettert und das Publikum desöfteren in die Performance miteinbezieht. WhoMadeWho – ebenfalls aus Dänemark und musikalisch in der Nähe von Hot Chip anzusiedeln – sind nur zu dritt, schaffen aber mindestens die selbe Sounddichte wie zuvor Dúné und legen derart groovige Sounds aufs Parkett, dass man wirklich nicht mehr anders kann, als das Tanzbein zu schwingen. Das exzentrische Auftreten des Trios, das auf der Bühne angekommen erst einmal eine Flasche Champagner köpft, tut sein Übriges dazu, dass man diesen Gig in jedem Falle höchst positiv und unterhaltsam in Erinnerung behalten wird. Am Rande: Zwischen den Dänen spielt noch Danko Jones, aber der bietet ohnehin seit Jahren dasselbe und wird auch im X-ten Anlauf nicht sympathisch.

The Sounds sind selbiges dagegen schon jahrelang, wobei die Qualität ihrer Auftritte natürlich maßgeblich von Maja Ivarssons Tagesform abhängt, die an jenem Tag sehr gut ist. Während des Auftritts setzt jedoch Regen ein, der sich auch fast den ganzen Abend lang nicht mehr legen sollte – doch dazu später. Zunächst sind noch Bonaparte und Tocotronic im Programm, werden jedoch wetterbedingt leider verpasst. Vom Auftritt von The Notwist – zahlreichen Aussagen zufolge der stärkste Gig des Festivals – wird leider auch nur die zweite Hälfte miterlebt, die jedoch beispielsweise mit den Klassikern "Chemicals" und "Consequence" für die Strapazen des Regens mehr als entschädigt. Der zweite Headliner Maximo Park hat dagegen einen schweren Stand. Die Mannen um Paul Smith legen sich ordentlich ins Zeug und geben all ihre Hits voller Inbrunst zum besten, jedoch fordert der Dauerregen mittlerweile bei zahlreichen Festivalgästen seinen Tribut, so dass sich die Reihen vor der Bühne schon stark gelichtet haben. Auch der Boden ist mittlerweile zu einer großen Schlammpfütze verkommen (der Campingplatz allerdings weiterhin in sehr gutem Zustand). Und erneut muss ein Konzert unterbrochen werden: Die riesige, aufblasbare Deko-Sonne über der Hauptbühne hat sich derart mit Wasser vollgesogen, dass Absturzgefahr besteht und die Feuerwehr das Accessoire in einer halbstündigen Prozedur entfernen muss. Nicht ganz zu Unrecht wird der Gig von Paul Smith dann auch als "our weirdest concert ever" bezeichnet. Nur noch Makulatur ist nach diesem unorthodoxen Verlauf der Dinge das – wieder regenfreie – Konzert von Adam Green, der die lange Wartezeit allem Anschein nach zum Konsum von reichlich Alkohol und anderen Substanzen genutzt hat.

Trotz der erneuten Wetterkapriolen ist die Erinnerung an das Sonnenrot Festival 2010 aber eine äußerst positive. Das Konzept mit den zwei Bühnen im Wechsel weiß zu überzeugen, genau wie die sehr gute Organisation und die Wahl der Location. Angenehm fällt auch auf, dass man bewusst mit einer überschaubaren Zahl an Festivalbesuchern plant (was natürlich zu Lasten des Ticketpreises geht – alles jedoch in vertretbarem Maße). Ein ausgewogenes Lineup rundet den sehr guten Gesamteindruck ab. Weiterempfehlen kann man das Sonnenrot auf jeden Fall. Und wer weiß, vielleicht hat der Wettergott nächstes Jahr ja einmal ein Einsehen.

Johannes Neuhauser

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