Festival-Nachbericht

Sankt Hell 2016


So dunkel wie die Jahreszeit: Das Hamburger Sankt Hell öffnete kurz nach Weihnachten zum zweiten Mal seine (Höllen-)Pforten für alle Freunde gepflegter Nackenstarre.

Was das Sankt Hell Festival gleich ganz hervorragend schafft, ist, eine auch im Winter und auch indoor geltende Grundvoraussetzung für neu ins Leben gerufene Festivals zu erfüllen: Headliner buchen, die abliefern können. Egal, dass diese rein demographisch wahrscheinlich nicht unterschiedlicher hätten sein können: Orange Goblin, die eine kurze Anlaufzeit brauchen, um mit ihrem Heavyrock auf Touren zu kommen, dann aber umso abgezockter das Publikum zum Feiern bringen, sieht man ihre zwei Jahrzehnte als Band schon etwas an – die norwegischen Truckfighters hingegen wirken (im positiven Sinne) immer noch wie eine übermotivierte Schülerband und toben zu ihrem Fuzzrock wie Derwische auf Crystal Meth über die Bühne.

Die Kür eines jeden Festivals bleibt dann aber ja doch die Undercard, und wer sich erst nach Ende der Tagesschau auf den Weg auf die Große Freiheit macht, verpasst so einiges: Den Stoner-Grunge von Bushfire etwa, deren Frontmann nicht nur wegen seiner fast 2,10m Körpergröße, sondern auch wegen seiner gewissen Ähnlichkeit zu Charles Manson eine beeindruckende Präsenz ist. Oder die einheimischen Dune Pilot, die – im Gegensatz zu den später auftretenden und etwas an Stadtfestbands erinnernden The New Roses – zeigen, dass auch schnörkelloser Alternative Rock gut ins Programm eines Festivals passt, dessen Titel infernalische Huldigungen impliziert. Und natürlich Mother's Cake aus Österreich (auch wenn die von Show zu Show wechselnde Ansage diesmal "Straßburg" lautet) und ihren so frickeligen wie groovigen Funkmetal, deren nächstjährige Tour sich so mancher Besucher dick im Kalender anstreichen wird.

Insofern kann man den Festivalmachern keine Vorwürfe dafür machen, dass der Grünspan nur wenig mehr als halb gefüllt ist – da hat bei manchen wohl doch noch das Bedürfnis nach nachweihnachtlichem Verdauungsschlaf überwogen. Für die, die da waren, ist es dann natürlich auch ganz angenehm, während der Umbaupausen oder zwischen zwei Noten der Doomrocker Conan noch einmal ein neues Bier zu holen, ein altes wegzustellen oder den brav zur Garantie des leiblichen Wohls aufgestellten Burrito-Truck aufzusuchen. Man kann den Machern eigentlich höchstens raten, es 2017 vielleicht doch wieder mit einem Wochenendtermin zu versuchen. Oder neben den Burrito-Truck noch eine Glühweinbude zu stellen. Wofür hat man schließlich Winter?

Jan Martens

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