Festival-Nachbericht

Phono Pop Festival


Fünf Jahre Phono Pop. Doch statt den Geburtstag in der heimischen Festung in Rüsselsheim, Location der ersten vier Ausgaben des Festivals, zu feiern, mussten 2010 die Umzugskisten gepackt werden: Die Festung wird derzeit saniert. Mit dem alten Opel-Werk fand die Suche nach einem neuen Ort glücklicherweise ein schnelles und vor allem würdiges Ende. In den Abendstunden in blaues und grünes Licht gehüllt und mit Videoanimationen an den Mauern aufgepeppt, sorgte der alte Industriecharme, wie schon die alte Burg, für eine großartige und einzigartige Kulisse.

Selbst der Wettergott schien in Feierlaune. Sorgten Gewitter und Regenschauer in den vergangenen Jahren immer wieder für durchfrorene Besucher und Verschiebungen im Zeitplan, knallte die Sonne bei Temperaturen von weit über 30°C auf die Menge herab und trieb die Zuschauer zum Tanzen unter umfunktionierte Duschen und Wasserschläuche.

Musikalische Höhepunkte setzten am Freitag die Japandroids, Turbostaat und Get Well Soon. Konstantin Gropper und seine Band passten eigentlich gar nicht an das Ende des lauten Tages, was er auch selbst leicht amüsiert auf der Bühne kommentierte. Er passte aber so richtig auf das Phono Pop und in das alte Opel-Werk. Zwischen den hohen Gebäuden konnten sich seine schwermütigen Lieder so richtig entfalten.

Nachdem Urlaub in Polen den Abend auf der Hauptbühne eröffnet hatten, sorgten Health an gleicher Stelle wenige Minuten später für, ja, atemberaubenden Lärm. Während manche vor dieser Krachorgie flüchteten, zeigten sich andere hochbegeistert von der Musik der Amerikaner. Eindeutiger waren da schon die Meinungen zu Turbostaat. Die Flensburger, die im April mit "Das Island-Manöver" ihr viertes Album veröffentlichten, wurden zurecht gefeiert. Das gleiche gilt für die Japandroids. Nicht wenige erklärten das Konzert der beiden Kanadier auf der kleinen Bühne zu ihrem persönlichen Höhepunkt des Festivals.

War der Freitag der laute Teil des Geburstags, ging es am Samstag recht relaxt zur Sache. Zum Glück, brannte die Sonne doch noch heißer als am Vortag vom Himmel, was selbst den Headliner Friska Viljor dazu brachte, sich mit kühlem Bier in den Brunnen auf dem Bahnhofsplatz zu verziehen.

Für den ersten Höhepunkt sorgten am späten Nachmittag Mintzkov aus Belgien, die auch ohne Probleme eine Karriere als Blackmail- und Placebo-Coverband hätten machen können. So stimmten sie das Publikum perfekt auf I Am Kloot ein, die den Slot von The World/Inferno Friendship Society nach deren Absage übernommen hatten und deren knisternde Musik auch in der Sonne für Gänsehaut sorgte.

Das schaffte auch der in diesem Jahr für seine zweite Platte "Hurra! Hurra! So nicht" überall gelobte Gisbert zu Knyphausen, der bei seinem Heimspiel parallel zum Spiel um Platz 3 der Fußball-Weltmeisterschaft auf der Bühne stand. Und der den in einer Pause zwischen zwei Songs fallenden Jubel über das 1:0 mit einem amüsierten "TOOOOR!" kommentierte und sich nach seinem Auftritt unter die Public-Viewing-Menge mischte.

Mit den Flashguns aus England, die zum ersten Mal in Deutschland spielten und Who Knew aus Island hatte auch die im Vergleich zu den Vorjahren große kleine Bühne weitere Leckerbissen zu bieten. Licht und Schatten bot dagegen Jochen Distelmeyer. Musikalisch zwar interessanter als zu tränenreichen Blumfeld-Zeiten, scheint er aber in einer richtigen Midlife-Crisis zu stecken. Anders lassen sich seine regelmäßigen "Ihr seid so sexy, yeeaaaah!"-Sprüche wohl nicht erklären.

Den Abschluss machten Friska Viljor. Alle, die auf die Züge angewiesen waren, atmeten erleichtert auf, als Daniel Johansson nach einem schier endlosen Soundcheck die Worte "Fuck it! Let's play!" ins Mikrofon sprach – auch wenn die halbstündige Verzögerung bedeutete, dass sie bloß die Hälfte des Auftritts mitbekamen. Die Schweden brachten die übrig gebliebene Menge mit fröhlichen Interpretationen ihrer Songs schnell zum Tanzen und Mitsingen und schlossen ein rauschendes Fest zum fünften Festivalgeburtstag. Und nächstes Jahr, da wird wieder in der Festung gefeiert. Mit ebenso großartigen Bands und hoffentlich bei ähnlich gutem Wetter. Auch wenn die Gewitterschauer ja irgendwie auch dazu gehören.

Martin Korbach

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