Festival-Nachbericht

Melt! Festival 2017


Stellt euch vor, ihr möchtet Geburtstag feiern, organisiert eine Riesenparty, ladet alle Freunde ein – und dann sagt kaum jemand zu. Was also tun mit überdurchschnittlich viel Vorräten und Platz? Resignieren oder dann erst recht intensiv feiern? Vor diesen Problemen stand in diesem Jahr das Melt!-Festival zum 20. Jubiläum.

Bereits im Vorfeld geisterten verschiedenste Hiobsbotschaften umher: deutlich weniger Tickets als in den letzten Jahren hätte man abgesetzt, es würde sehr leer werden auf dem diesjährigen Melt!-Festival. Betritt man nun Ferropolis vom Camping North her, stehen die Zelte zunächst auch dicht an dicht. Erst die weiten freien Flächen des Camping Süd zeigen: Hier ist in der Tat in diesem Jahr viel Platz. Wer sich Freitag vor den beiden großen Bühnen (Melt!Stage und Medusa) einfindet, hat ebenfalls freie Platzwahl. So spielen Von Wegen Lisbeth, Kamasi Washington oder Sylvan Esso vor halbleeren Rängen und auch vor den restlichen Bühnen bekommt niemand Platzangst. Allerdings zeigt sich im weiteren Verlauf der Tage: Der typische Melt!-Besucher ist eher ein Spätaufsteher und gerade die Headliner spielen dann doch vor einer annehmbaren Kulisse und die Stimmung ist durchweg gut und ausgelassen.

Des Veranstalters Leid ist dann eben doch teilweise des Besuchers Freud: Wirklich lange anstehen muss man nirgendwo. Weder an den Campingplätzen noch an den Ständen oder sanitären Einrichtungen. Wer zudem Konzerte gern vorn genießt, dem reicht es, zehn Minuten vor dem jeweiligen Konzertbeginn vor der Bühne der Wahl zu sein, um in der ersten bis dritten Reihe Platz zu finden. Woran jedoch der Schwund liegt, ist auf den ersten Blick nicht zu ergründen. Das Line-up ist in der Breite großartig und sucht seinesgleichen. Es mag in Deutschland zig mit Standardrock, Metal, Indie oder HipHop belegte Events geben – die Musikauswahl des Melt! ist einzigartig. Großartige Auftritte von Kate Tempest, Sohn, Soulwax, Warpaint, die sich merkbar wohl fühlen, oder die zig DJ-Sets auf der Big Wheel und Melt! Selektor Stage unterstreichen dies. Die Headlinerauswahl mag etwas speziell gewesen sein, mit einer M.I.A., die vom angekündigten 60-Minuten-Slot weit weniger spielen wird, und Die Antwoord, deren Abriss-Trashtechno man entweder abfeiert oder nur komplett kopfschüttelnd sieht. Lediglich Bonobo wird seinem Platz gerecht und verzaubert Samstagnacht wohl sämtliche Anwesenden mit Livesängerinnen, Bläsern und großem Auftritt.

Ebenfalls ein Highlight ist immer mehr das Gelände selbst. Die Schatten der alten Kohlebagger begeistern seit zig Jahren und haben einen ganz eigenen Charme, seitdem man nun auch den Wald am See für Kino, Kunst und kleine Bühnen nutzt gibt es eine weitere, liebevoll gestaltete Attraktion. Die zwar preislich gehobene, dafür aber auch sehenswerte Auswahl an Gastroständen setzt ebenfalls Maßstäbe. An anderen Ecken jedoch wirkt das Konzept nicht durchdacht. Gerade die Medusa-Stage leidet sehr darunter, zwischen verschiedenen Punkten gefangen zu sein. Zwar werden die Bühnen abwechselnd bespielt, trotzdem läuft auch in den Umbaupausen der Hauptbühne durchweg Konserventechno. An die hintere Ecke der Medusa hat man zudem sinnfreierweise eine Holzhütte gebaut, deren unnötige Beschallung selbst während der Konzerte bis in die zweite Reihe der Medusa hineinreicht, was viele, gerade ruhige Auftritte (Sampha, teilweise HVOB) verhagelt. Zudem kann sich der Veranstalter durchaus einmal fragen lassen, ob man nicht Doppelstandards fährt, wenn man einerseits Künstler wie Konstantin berechtigterweise aufgrund sexistischer Äußerungen auslädt, aber andererseits eine Brausefirma mit rechtspopulistischem Milliardär allgegenwärtig ist. Darüber hinaus durfte man erneut den Securities nicht so genau auf getragene Shirts und Tattoos schauen, auch hier wurde ein Weltbild offenkundig zur Schau gestellt, was jedem Melt!-Motto zuwider läuft.

Schlussendlich jedoch bleibt ein Festival, welches sich deutlich unter Wert verkauft hat. Ein "nächstes Jahr wollen wir wiederkommen" ist aus nahezu jedem Gespräch herauszuhören und es bleibt den Verantwortlichen zu wünschen, dass es 2018 mit kleineren Korrekturen wieder ein Melt! geben wird, was alle rundum zufrieden stellt – Veranstalter, Besucher und Künstler.

Klaus Porst

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