Festival-Nachbericht

Maifeld Derby 2019


Wir haben ja noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass das Maifeld Derby zu unseren absoluten Lieblingsfestivals zählt. Umso härter traf uns dann auch die Nachricht, dass es 2020 kein Maifeld geben wird und ein Comeback 2021 eine 50:50 Geschichte wird. Seit nun schon einigen Jahren wird der Festivalmarkt immer härter umkämpft. Kleinere Liebhaberfestivals haben es schwer in Zeiten von Coachella, Lollapalooza, Primavera und Co., die inzwischen Dritt-, Viert- oder sogar Fünftableger ins Rennen schicken und beim Wettbieten um die interessantesten Bands dann natürlich die Nase vorne haben. Es ist ein Jammer. Ob wir nach dem Aus des Phono Pop Festivals noch einen weiteren Verlust verkraften? Das diesjährige Maifeld Derby gibt die Antwort in Großbuchstaben: NEIN.

Denn es war einfach wieder in allen Belangen ein wunderschönes Festival. Wie immer Topwetter, super organisiert, liebevoll gestaltet, eine große Essens- und fast schon unüberschaubare Getränkeauswahl, nette Menschen soweit das Auge reicht, die beste Toilettenfrau der Welt. Und natürlich einmal mehr unvergessliche Konzertmomente.

Los geht es für uns am Freitag mit der Nürnberger Formation The Green Apple Sea im Parcours d'amour. Solider Singer/Songwrtiter-Pop. Perfekt, um sanft ins Festivalwochenende zu starten. ZA! eröffnen im Anschluss das neue Hüttenzelt. Den Charme des Brückenawardzelts hat das nicht nicht mehr, dafür aber endlich einen anständigen Sound. Den braucht es auch für das Duo aus Barcelona, denn die Jungs randalieren sich auf Drums und Effektgeräten buchstäblich durch ihr Set. Gut, dass im Anschluss Linus Volkmann mit seiner Lesung das Tempo wieder herunterfährt, zum Durchschnaufen. Denn dann bricht auch schon der erste Festivalabend an und für den braucht man bekanntlich ein gutes Durchhaltevermögen.

Gurr haben sich heimlich, still und leise einen echten Namen gemacht. Verloren wirkt die Band auf der großen Fackelbühne jedenfalls nicht, sondern eher, als ob sie noch nie was anderes gemacht hätte. Auch die Wandlung der Parcels ist erstaunlich. Vor zwei Jahren noch ein gut gehüteter Geheimtipp, jetzt schon mit richtig großer Bühnenshow zur besten Zeit auf der Hauptbühne am Start. Spätestens als die Australier dann zum Abschluss ihren Über-Hit "Cloetowhy" in der XXL-Version darbieten, weiß man aber auch warum. Das krasse Gegenteil in Sachen Bühnenbild bieten wiederum die Sleaford Mods. Da drückt Andrew mit der Bierflasche in der Hand einfach nur auf Play und nickt zu den Verrenkungen seines MCs Jason mit. Besonders im vorderen Bereich wird das ekstatisch gefeiert – zurecht. Danach hat man die schwere Wahl: Zu den inzwischen optisch in die Jahre gekommenen, aber immer noch unglaublich funky agierenden Hot Chip oder doch lieber eiskalter Post-Punk in großartiger Atmosphäre mit Karies. Beide Besuche dürften niemanden enttäuscht haben. HVOB aus Wien geben dann den traditionell elektrolastigen Abschluss im Palastzelt. Dabei müssen sie sich wahrlich nicht vor den Acts der vergangenen Jahre wie Moderat oder Jon Hopkins verstecken.

Der Samstag beginnt dann erstmal mit einem Paukenschlag. Den Surprise Slot übernehmen tatsächlich AnnenMayKantereit. Von der Größenordnung eher als (Co-)Headliner einzuordnen. Daher ist der Parcours zu früher Stunde auch schon genagelt voll. Sowieso toll, dass der zweite Festivaltag ausverkauft ist. Eine Bestätigung dafür alles richtig gemacht zu haben. Gerade am Nachmittag bleiben eigentlich keine Genrewünsche übrig. "Comedy" mit der jährlichen Steckenpferddressur, parallel liefert Mavi Phoenix mit ihrem modernen Indie-Pop den perfekten Soundtrack zum Sommerwetter. Spiral Drive beschwören den Alternative-Sound der 90er herauf, Schreng Schreng & La La zelebrieren bierselige Singer/Songwriter-Nummern.


The Streets // Foto-Credit: Abhilash Arackal

Will man irgendwas am diesjährigen Maifeld Derby kritisieren, dann die fehlende kritische Auseinandersetzung mit Kate Tempest, die um ihre BDS-Anhängerschaft kein Geheimnis macht. Publikum zieht ihr Auftritt nichtsdestotrotz, viele boykottieren den Gig aber auch ganz bewusst. In die Abendstunden leiten dann jedenfalls The Twilight Sad ein. Die haben zwar ein paar technische Probleme, können letztendlich aber wie immer die Zuschauer verzaubern. Auf den großen Bühnen folgt das große Indie-Pop-Doppel mit Von Wegen Lisbeth und Balthazar. Wer es ruhiger mag, schaut sich stattdessen die intimen Akkustik-Konzerte von Tomberlin und Alela Diane an. Besonders letztere, die mit ihrem Dad auf der Bühne steht, weiß dabei zu überzeugen. Danach ist es angerichtet für die große Sause von Mike Skinner und seinen The Streets im großen Palastzelt. Der Champagner spritzt. Skinner crowdsurft und reitet am Ende sogar mit Steckenpferd (!) durchs Publikum. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Und eigentlich kann da danach nichts mehr kommen... Wenn da nicht Raketkanon aus Belgien wären. Mit unbändiger Energie und einer Performance am Rande der Selbstzerstörung bringt das Quartett das Hüttenzelt zum Ausrasten. Wo auch immer man diese Band ausgegraben hat – chapeau!

Am Sonntag wird die "Maifeld-Tradition" fortgeführt: Alte und zukünftige Legenden geben sich die Klinke in die Hand. Die gerade mal 20 Jahre alt gewordene Snail Mail erwischt dabei aber keinen guten Tag. Sie hat mit der Technik zu kämpfen und verlässt dann am Ende sichtlich frustriert die Bühne. Der mittlerweile ergraute Stephen Malkmus und seine The Jicks spulen hingegen in bester Slackermanier ihr Set ganz souverän ab. Kevin Morby hat sich gleich sechs Musiker mit auf die Bühne geholt und liefert mit großartigem Sound das erste Highlight des Tages ab. Die ältere Generation freut sich im Anschluss gleich über zwei Liebhaberbands: Zuerst performen Teenage Fanclub ihre zeitlosen Indie-Songs, dann schaffen die fantastischen Madrugada absolute Gänsehautatmosphäre. Die Jüngeren feiern in der Zwischenzeit International Music. "Die besten Jahre" haben die noch lange nicht hinter sich. Auf Tocotronic können sich dann wieder alle einigen. Dirk von Lowtzow und Co. hauen eine keine Wünsche offen lassende Best-of-Setlist raus und wer aus dem Konzert nicht glücklich rausgeht, hat deutschen Indie-Rock nie geliebt. Den Abschluss kann dann jeder noch mal so genießen, wie er oder sie möchte. Auf die Fresse mit Amyl And The Sniffers, verträumt mit Wyvern Lingo oder eben im großen Stil mit Faber und seiner Band.


Amyl And The Sniffers // Foto-Credit: Abhilash Arackal

Als sich dann nach 22 Uhr langsam die Pforten des Maifeld Derby schließen, setzt der Post-Festival-Blues ausnahmsweise direkt und nicht erst am nächsten Tag ein. Soll es das gewesen sein? Wir hoffen, nein wir beten darum, dass es nicht so ist. Lieber Timo Kumpf, falls du das hier liest: Nimm deine mehr als verdiente Auszeit, mach jetzt Dinge, auf die du die letzten Jahre wegen dem Maifeld verzichten musstest, sammle neue Energie. 2021 brauchen wir dich aber wieder zurück, um gemeinsam die 10 voll zu machen. Bis dann!

Weitere Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Benjamin Köhler, Abhilash Arackal

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