Festival-Nachbericht

Maifeld Derby 2018


Aufmerksame Leserinnen und Leser wissen es bereits: Wir sind große Fans des Maifeld Derby. Aber wer ist das bitteschön nicht? Zumindest von denen, die schon mal auf dem Reitplatz in Mannheim zu Gast waren. Es dauert ja nicht lange und dieses kleine schmucke Festival zieht einen mit familiärer Atmosphäre und Do-It-Yourself-Charme in seinen Bann. Und auch nach der achten Auflage des Maifeld Derbys dürften erneut einige neue Fans dazu gekommen sein, denn großartig wars mal wieder!

Zuerst checkt man ja immer: Was hat sich so verändert seit letztem Jahr? Das Wetter schon mal nicht. Frühsommerliche Temperaturen, Sonnenschein, aber auch bewölkt. Kurzum das perfekte Festivalwetter. Und auch sonst wirkt auf den ersten Blick alles beim Alten. Gott sei Dank muss man da sagen. Denn beim Maifeld wird nichts verschlimmbessert, sondern höchstens punktuell Veränderungen vorgenommen. Zum Beispiel bei den Sitzgelegenheiten (wesentlich mehr) und dem kulinarischen Angebot (größeres und vielfältigeres Angebot). Leider fehlt immer noch so ein wenig die klar ausgewiesene Wasserstelle, was die ansonsten heldenhafte Toiletten-Frau in den Wahnsinn treibt ("Das Wasser ist hier nur zum Händewaschen da!"). Aber wer braucht schon Wasser, wenn es eine Fülle an regionalen Biersorten gibt?

Mit frisch Gezapftem tönen die ersten Klänge von Gringo Mayer auch gleich viel besser. Irgendwo zwischen Bruce Springsteen und The War On Drugs kommt dem Songwriter das harte Los des Eröffnungsacts zu Gute. Er macht seine Sache ordentlich. Ebenfalls die anschließenden Lirr, die mit ihrem Postcore zum ersten Mal Krach über das Festivalgelände jagen. Der erste richtige Höhepunkt folgt aber mit den Zwillingen Lisa-Kaindé und Naomi Díaz aka Ibeyi. Die beiden Schwestern liefern eine mitreißende Performance und haben das Publikum schnell auf ihrer Seite. Fast schon euphorisch werden sie mit ihrem Hit "River" verabschiedet. Da können Klangstof im Anschluss leider nicht so ganz mithalten. Trotz tollem Sound wirken sie auf der Fackelbühne ein klein wenig verloren. Überraschend hervorragend wiederum funktionieren Rhye im großen Zelt. Der zerbrechliche R&B der Band um Sänger Milosh ist live opulenter arrangiert und kann zudem mit der Ausnahmestimme ihres Frontmanns punkten.

Und auch danach reiht sich am ersten Festivaltag Highlight an Highlight. Deerhunter begeistern mit Wahnsinnssound und neuen Songs ihres kommenden Albums "Double Dream Of Spring". Da kann man sich schon mal drauf freuen, denn das Material klingt sehr sehr gut. Apropos guter Klang. Dass Nils Frahm natürlich ein Ohrenschmaus wird, was schon von vorneherein klar. Trotzdem schön zu erleben, dass Frahms Musik auch auf Festivals bestens funktioniert. Wahrscheinlich auch, weil sein beatlastiges Set schon einmal einstimmt für die Elektrosause, mit der Jon Hopkins den Abend beschließt. Die Menge tanzt ekstatisch. Schweißgebadet geht es nach zwei Uhr nach Hause. Besser hätte der Festivalstart nicht laufen können.

Am zweiten Tag lässt man es dann ja gern zuerst etwas ruhiger angehen. Also erst mal in den Parcours d'Armour, um sich von Songwriter Emirsian und der belgischen Band V.O. zu ruhigen Klängen in den Tag helfen zu lassen. Der Weckruf folgt dann mit Tank And The Bangas. Ein wildes Kollektiv (mit zwei wilden Frontdamen!), das mit seiner Mischung aus Hip Hop und Weltmusik schnell für Furore sorgt im großen Zelt. Eher egal kommen da im Vergleich schon All Them Witches daher. Zu viele Standard-Rock-Allgemeinplätze. Deshalb schnell zu Neurosis zurück ins Zelt vor die Hauptbühne. Schon ein wenig erstaunlich, dass sich die Post-Metal-Veteranen beim Maifeld die Ehre geben. Es folgt ein Auftritt, der dermaßen brachial eine Wall Of Sound ins Publikum spült, dass The Wombats nebenan wahrscheinlich jetzt noch die Knie schlottern. Wahnsinn. Zur Beruhigung erst mal wieder rüber in den Parcours und von This Is The Kit schönen Songwriter-Folk genießen... Nur um im Anschluss die volle Black-Metal-Breitseite von Wolves In The Throne Room zu kassieren. Tut weh, ist aber geil. Und so läuft das eben auch beim Maifeld Derby: Die unterschiedlichsten Genres liegen meist nur wenige Schritte voneinander entfernt. Wer Abwechslung braucht, ist hier bestens aufgehoben. Und so bietet die Nacht mit den alten Indie-Hasen von den Editors, feinster Clubmusik (George FitzGerald) und Punk- (Hysterese) beziehungsweise Noiserock noch für wirklich jeden was.

Nochmal alle Reserven mobilisieren, ist das Motto dann am abschließenden Sonntag. Schon um 14 Uhr beginnt Pop-Revoluzzer Tristan Brusch und Kat Frankie ist danach auch schon gleich dran. Die Songwriterin aus Berlin hat mittlerweile ihre Songs mit Bandkonzept erweitert und die Sympathien der Zuschauer schnell auf ihrer Seite. Gus Dapperton hingegen kann auf der Fackelbühne draußen nicht so wirklich überzeugen. Da fehlt irgendwie die besondere Note.

Nachdem die Young Fathers erfolgreich boykottiert werden, heißt es sich entscheiden: Alex Cameron oder König Fußball? Während Jogis Jungs versagen, legt Cameron einen unglaublich smarten Auftritt hin. 1:0 für den Musikgott. Während die Schwarz-Rot-Goldenen Tränen noch getrocknet werden, erhöhen The Kills gleich noch auf 2:0. Keine Frage, jetzt ist Rock gefragt. Und wer könnte den Sack besser zu machen als der Black Rebel Motorcycle Club? Das Trio in Schwarz verwandelt den Reitplatz mit ultra-tightem Sound in eine einzige Staubwüste. Doch keine Sorge. Den klopfen dann zum Abschluss wahlweise die erdigen Eels oder die Noise-Hopper von Dälek ab, so dass man einigermaßen ordentlich nach Hause kommt. Den verdammten Festivalblues nimmt man allerdings trotzdem wieder mit. Bis zum nächsten Jahr, liebes Maifeld Derby!

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Benjamin Köhler

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