Festival-Nachbericht

Le Guess Who? 2013


Handschuhe an, Mütze auf und dann rein ins Vergnügen! Spätestens am vierten Tag hatten wir am diesjährigen Le-Guess-Who?-Festival halbwegs den Dreh raus: Während der eine Zigarette rauchend in die Pedale tritt, liest der andere auf dem Gepäckträger sitzend den Stadtplan und weist den Weg von einer schicken Location zur nächsten.

Sollte jemand in den nächsten Jahren vorhaben, dem "Le Guess Who?" einen Besuch abzustatten, dem sei trotz der kalten Jahreszeit wärmstens ein Drahtesel ans Herz gelegt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Diese holländischen Bikes lassen sich einfach ungemein gut fahren, das Fahrradverkehrsnetz von Utrecht befindet sich in einem ausgesprochen vortrefflichen Zustand, Fahrräder und Fahrradparkhäuser gehören inzwischen mindestens wie der Käse zum Kulturerbe der Niederländer und – besonders wichtig – man kommt eben bei Bedarf superschnell und unkompliziert von einem Konzert zum nächsten.

Vielleicht nicht ganz so vielfältig und abwechslungsreich wie das Reeperbahn Festival, aber vom Prinzip her ähnlich und – je nach Gusto – mit einem wirklich beeindruckenden Liebhaber-Line-Up wartete die siebte Edition des Le-Guess-Who?-Festivals auf. Ähnlich wie am Festival an der Elbe sind wahrscheinlich auch zig andere Schilderungen vom "Le Guess Who?" und verschiedenste Konzerterlebnisse denkbar, je nachdem, für welche Künstler, für welche Bühne man sich entscheidet und mit welcher Motivation man sich dem Spektakel hingibt. Zumindest hinsichtlich der Motivation war der Eindruck der, dass sich hier mal wirklich viele Menschen einfach nur der Musik hingeben und genießen wollten, denn das fiel in der Tat sehr, sehr positiv auf. Ob es jetzt an der überschaubaren Größe der Venues lag oder an den Leuten selbst: Wenn einem das Gespräch des Nachbarn dann vielleicht doch mal zu laut wurde, war der/die schnell einsichtig, prostete dir freundlich zu. Ziemlich entspannt das alles!

Nach der Ankunft in Utrecht und noch ungläubig, dass am ersten Abend schon ein paar wirkliche Knaller auf einen warten sollten, gestaltete sich das Ganze anfangs wie ein vermeintlich "normaler" Konzertabend. Erster Act in der größten aller zehn "offiziellen" Locations, dem Tivoli Oudegracht, sollten King Khan und seine Shrines werden. Ein zugegebenermaßen krasser Einstieg in ein Festival. Die positiven Erkenntnisse waren indes einmal die Bezahlbarkeit des Bieres und zum anderen, dass die Garderobe an allen Spielstätten im Ticketpreis mitinbegriffen ist. Ein erster, größerer Schluck Bier war dann bei den anschließend spielenden The Fall (also Mark E. Smith mit seiner neu formierten Band) schon bitter nötig. Mark E. Smith schien etwas müde, musste sich während dem Konzert häufig hinsetzen, aber wer will es dem alten Mann verdenken. Um eventuellen Einlass-Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, war es wohl eine gute Entscheidung, den Rest des Abends im ACU, einem ehemals linksautonomen Zentrum, jetzt Bar mit gutem Whiskey und einem überschaubaren und funktionalen Club/Konzertsaal, den man dort nicht erwartet hätte, im Zeichen aufstrebender Garagen-Rock-Bands zu verbringen. Die Night Beats waren dabei herausragend. Gitarrenlastiges gabs auch am folgenden Tag zuhauf. Ty Segall durfte sich sein eigenes Bühnenprogramm zusammenstellen. Neben dem Auftritt von Ty selbst, der sein Album "Sleeper" zum Besten gab, waren die Jacuzzi Boys aus L.A. eine der positiven Überraschungen des Wochenendes.

Einer der Momente, an denen man merkt: "Jawoll, das Le Guess Who?" möchte sich international einen Namen machen" war neben den generell zahlreichen Bandüberschneidungen mit dem All Tomorrow's Parties Festival unter anderem auch das, was einen bei Ed Askew erwarten sollte. Was, du kennst den nicht? Schande über dich! Ed Askew ist Singer/Songwriter aus New York, der Ende der Sechziger bis in die Achtziger hinein Songs schrieb, die nachträglich durch Pitchfork oder durch seine Zusammenarbeit mit Sharon Van Etten geadelt wurden. In ähnlicher Weise gilt das auch für Linda Perhacs, deren Meisterwerk erst in der Blogosphäre zu verdientem Ruhm kam. Und schließlich sitzt man eben da in der konsequent vernebelten und hübsch ausgeleuchteten Kirche Janskerk und lauscht den unverständlichen Songs einer (noch) lebenden Legende, deren Songs durch den unglaublichen Reverb-Effekt der Spielstätte zu noch etwas Undeutlicherem verkommen, so dass man sich wünscht, einfach nur die Platte zu kennen. Immerhin: Auf den gepolsterten Stühlen sitzt man prächtig und das Jupiler Büchsenbier in der Kirche schmeckt auch vorzüglicher als sonstwo. Ed Askew sollte nicht das letzte Kirchenkonzert werden. Allerdings war es lediglich Ólafur Arnalds, der mit den Möglichkeiten des Raumes auf eindringliche Weise umzugehen vermochte, dass man am Ende das Gefühl hatte, einem wirklich besonderen Konzert beigewohnt zu haben. Der hochgeschätzte und talentierte Douglas Dare schaffte das leider ebenso wenig wie Destroyer in der zweiten Kirche, der Vredenburg Leeuwenbergh. Vor allem war es dann auch mal gut mit der Besinnlichkeit, so dass James Pants und Stellar Om Source gerade recht kamen. Die James-Pants-Show war in der Tat unglaublich! Unscheinbarer Typ und umso abgefahrenerer 80's Disco Boogie irgendwo zu verorten zwischen LCD Soundsystem und Ariel Pink oder so. Weitere Highlights waren schließlich noch Föllakzoid aus Chile und Glenn Jones, der am letzten Tage im dB's bei kostenlosem Kaffee auf völlig unprätentiöse und angenehme Weise große Kunst offenbarte, um im selben Atemzug darauf zu verweisen, dass er es damit wohl niemals mit seinem Vorbild John Fahey aufnehmen könne. Jones' Auftritt war gewissermaßen ein angenehmer Kontrapunkt zu den zig Kirchenkonzerten, die sicherlich auch ihren Charme hatten.

Nicht unterschlagen werden soll abschließend das kostenlose und eintägige Tagesprogramm am Samstag, dem "Le Mini Who?". Beispielsweise avancierte eine alte und schmucke Citroen-Werkstatt mit zwei Oldtimern zu einer von zig wunderschönen Locations für talentierte niederländische Bands wie die Twin Shades oder aber auch für einige Sideshows von Vex Ruffin oder den Pins.

Zeit, um dem überschaubaren Städtchen Utrecht auf würdige Art und Weise Beachtung zu schenken, blieb leider viel zu wenig. Insgesamt war es aber ein absolut liebevoll organisiertes und entspanntes Festival mit einer Fülle an Konzerten in einem teils einmaligen Rahmen. Ja, dieses Festival hat das Potential dazu, langjährige Stammgäste zu gewinnen.

Achim Schlachter

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