Festival-Nachbericht

Hanse Song Festival 2017


Irgendwie ist es ja immer komisch, wenn Musikfestivals nicht draußen stattfinden. Man denkt bei Festivals automatisch an Sonnenbrand, Bier und Grillen auf dem Campingplatz. Festivals drinnen zu veranstalten, wirkt ein wenig unnatürlich, könnte man sagen. Es hat aber auch ganz klare Vorteile, ein Musikfestival indoor zu veranstalten, wie man letzten Samstag beim Hanse Song Festival in Stade sehen konnte.

Das ganze große Plus: Auch bei dem klischeehaftesten Aprilwetter, bei dem sich Regen, Hagel und Sonnenschein im 10-Minuten-Takt die Klinke in die Hand geben, fällt die Veranstaltung nicht ins Wasser. Und auch immer wieder schön: Wenn das Festival in Locations stattfindet, die eigentlich nicht für Konzerte gedacht sind. Beim Hanse Song Festival konnte man so auch mal einen Blick in das Landgericht Stade werfen, wo John Smith im teilmöblierten Sitzungssaal nicht nur hübsche Singer/Songwriter-Stücke, sondern auch Anekdoten zum Besten gab. Wer sich immer schon gefragt hat, wen man eigentlich um die Rechte fragt, wenn man einen Song covern will, den man selbst für einen anderen Künstler geschrieben hat, der konnte bei Smiths Auftritten die Antwort erfahren.

Auch eine Apotheke in der Innenstadt und der Schwedenspeicher, der normalerweise ein Museum ist, öffneten ihre Pforten. Und hier kommen wir zu einem der Nachteile von ungewöhnlichen Veranstaltungsorten: Sie sind eben nicht wirklich für Musikauftritte gedacht. Das musste auch Christian Kjellvander feststellen. Nachdem technische Probleme für eine kleine Verspätung gesorgt hatten, konnte Kjellvander zwar mit seinem kauzigen Songwriterpop loslegen, die elektrische Gitarre und das E-Piano waren aber leider etwas zu viel für die Akustik des Schwedenspeichers. Auf der anderen Seite können so begrenzte Möglichkeiten immer auch für sehr schöne, intime Konzerte mit teils interessanten Neuinterpretationen führen. Gisbert zu Knyphausen zum Beispiel kennt sich mit solchen Dingen sehr gut aus. Die St. Cosmae-Kirche war denn auch vollgestopft mit andächtig in den Bänken und auf dem Gang sitzenden Zuhörer_innen. Lange nicht alle, die sich den Auftritt ansehen wollten, konnten in der Kirche Platz finden. Wieder ein Nachteil von Indoorfestivals: Auch das Schlangestehen vor der Tür garantiert nicht den Platz vor der Bühne. Aber im Falle eines Falles hat man es zum Glück normalerweise nicht weit bis zur nächsten Location mit dem nächsten tollen Act.

In Stade waren die meisten Wege kurz, nur zum Alten Schlachthof, der von Odeville, Schrottgrenze, Judith Holofernes und Andreas Dorau bespielt wurde, braucht man zu Fuß ein bisschen. Wer Glück hatte, konnte auch eines der kostenlosen Fahrradtaxis ergattern. Der Weg lohnt sich aber in jedem Fall. Wie überhaupt der Weg nach Stade – zumindest an diesem Wochenende. Denn seien wir mal ehrlich: Die coolste oder interessanteste Stadt ist die Hansestadt wirklich nicht. Aber wer Pop in verschiedensten Variationen bei gemütlicher Atmosphäre in schönen Locations erleben will, sollte sich den 28.04.2018 schon einmal rot im Kalender anstreichen – dann wird nämlich die siebte Auflage des Hanse Song Festivals stattfinden.

Lisa Dücker

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