Festival-Nachbericht

Haldern Pop Festival 2019


Langsam ist der Post-Festivalblues vergangen, auch das 36. Haldern Pop Festival hat seine Tore geschlossen und ist Geschichte. Hinter uns liegt ein Wochenende voller großartiger Konzerte, zwischen Punk, Elektro und Indiemusik. Das Haldern Pop verspricht jedes Jahr Großes und hatte auch 2019 keine Probleme, die Erwartungen zu übertreffen.

Dabei schien das Festival dieses Jahr unter keinem guten Stern zu stehen, sagten doch in den Monaten, Wochen und Tagen vorher viele Künstler*Innen ihren Auftritt ab. Besonders Julien Baker war für viele Besucher*Innen ein Must-See, aber auch Dermot Kennedy oder die Flamingods wurden schmerzlichst vermisst. Dass die Organisatoren innerhalb von ein paar Tagen mit Gisbert zu Knyphausen und Faber zwei durchaus große Acts als Ersatz bekommen konnten, ist beachtlich, auch wenn das Jugendheim für Gisbert zu Knyphausen als Secret Act selbstverständlich viel zu klein war, zumal der Name schon am Tag zuvor seine Runden auf dem Festivalgelände machte. Das war jedoch zu verkraften, gab es doch auf den über den ganzen Ort verteilten, verschiedenen Bühnen immer gute Alternativen aus fast jedem Genre.

Dabei stand jedoch das Programm der Hauptbühne in diesem Jahr im Vordergrund, was einerseits an vielen persönlichen Favoriten, andererseits an der weiteren Ausgestaltung des hinteren Bereichs lag. Alleine aus Gründen der Gemütlichkeit steuerte ich somit eher das Festivalgelände mit den vielen neu geschaffenen Sitzmöglichkeiten an, statt mich auf den Weg in den Ort zu Kirche, Jugendheim oder Pop Bar zu machen. Das war jedoch selbstverständlich Geschmackssache, fanden sich doch auch viele Leute, die das breit gefächerte Programm des Ortes ausgiebiger nutzten, was letztendlich zu einer guten Verteilung des Publikums führte und das Festivalgelände angenehm gefüllt wirken ließ.

Besonders der Freitag stand ganz im Zeichen der Hauptbühne, auf der Hochkaräter wie Whitney, Father John Misty, Sophie Hunger und die Idles spielten. Erstere überschnitten sich leider mit der fantastischen Stella Donnelly, dennoch fiel die Entscheidung am Ende auf Whitney, schuldeten sie doch noch ein komplettes Set, nachdem ihr Auftritt ein Wochenende zuvor auf dem Appletree vom Unwetter beendet wurde. Bereut werden sollte die Wahl nicht, Whitney lieferten erneut einen tollen Auftritt ab, der die grauen Wolken vergessen ließ. Die US-Amerikaner machen schlicht wunderbar sommerliche Musik, die eigentlich wie gemacht ist für einen Nachmittagsslot auf dem Haldern Pop. Die neuen Songs des Ende des Monats erscheinenden Albums "Forever Turned Around" mussten sich dabei absolut nicht vor denen des Vorgängers verstecken und versprechen, dass Whitney genau dort weitermachen, wo sie aufgehört haben.

Der weitere Abendverlauf bot gute bis begeisternde Konzerte. Father John Misty, der die letzten Jahre etwas an mir vorbei gegangen ist und deshalb besonders mit Songs seiner Platte "I Love You, Honeybear" zu begeistern wusste, zeigte gewohnt selbstbewusst eine musikalisch nahezu perfekte Darbietung. Zwei volle Zelte, das Niederrheinzelt mit Gurr und das Spiegelzelt mit Fontaines D.C., sorgten dafür, dass letztere nur teilweise über die Leinwand des Biergartens gesehen werden konnten. Nichtsdestoweniger reichte dies aus, um den berechtigten Hype um die Iren zu unterstreichen. Die Mischung aus lauten Gitarren und hie und da indiepopiggen Melodien war eine gute Vorbereitung auf das Highlight des Abends: die Idles. Eigentlich gibt es zu den Briten nicht mehr viel zu sagen, sowohl live als auch auf Platte sind sie eine der gefeiertsten Bands der letzten Jahre. Das stellten sie auch auf der Hauptbühne in Haldern unter Beweis, zwei Jahre, nachdem sie das Spiegelzelt abreißen und mein Herz für sich gewinnen konnten. Energiegeladen und laut brachten sie sich selbst und das Publikum ins Schwitzen. Ein absolut überzeugender Abschluss des Tages, der viele glückliche und euphorisierte Menschen in die Nacht hinein tanzen ließ.

Auch die weiteren Highlights ließen zunächst vermuten, dass in diesem Jahr die ganz großen Konzerte eher nicht im Spiegelzelt zu finden sein würden. Khruangbin, Loyle Carner und Michael Kiwanuka hintereinander waren jedoch auch einfach zu gute Acts, als dass ein Ausflug zur Nebenbühne überhaupt in Betracht gezogen werden konnte. Khruangbin bauten einen sphärischen Klangteppich auf, in dem man sich wunderbar verlieren konnte – erneut einfach die passende Musik für den frühen Abend. Ganz anders sah es bei Loyle Carner aus, der schnell jeden Zweifel, ob er seine Musik live rüberbringen könnte, in Luft auflöste. Schon im ersten Song zog er das Publikum in seinen Bann und zeigte, dass die häufigen Vergleiche mit The Streets auch auf die starke Live-Performance bezogen werden können. Michael Kiwanuka hatte danach Probleme, für eine ähnliche Begeisterung zu sorgen und konnte die Erwartungen nach seinem letzten fantastischen Auftritt in Haldern nicht ganz erfüllen, was bei diesen Maßstäben jedoch auch überrascht hätte.

Schien alles auf ein Haldern Pop 2019 ohne die ganz große Überraschung, die überragende Neuentdeckung im Spiegelzelt oder den viel umschriebenen Haldern-Moment hinaus zu laufen, kam es ganz anders: Haiku Hands sorgten für DAS Highlight des Festivals und für viele für das beste Konzert des Jahres. Von der ersten Sekunde an zogen die Australierinnen das Publikum in ihren Bann und rissen das Spiegelzelt in 45 Minuten gänzlich ab. Eine Mischung aus Hip-Hop, Elektro und Pop, deren Beschreibung nicht einmal im Ansatz dem gerecht wird, was die Band auf den Brettern des stickigen Zeltes ablieferte. Dass dieses Konzert ein besonderes würde, sieht man an der Tatsache, dass sogar im Biergarten frenetisch tanzend gefeiert wurde. Ähnlich euphorisiert wie 2010 nach Dan Deacons Wahnnsinnsset verließ ich das Festivalgelände, um kurz vorher erstandene Marken im Wert von zwanzig Euro ärmer, die unter der ausrastenden Masse begraben wurden, aber um eins der tollsten Konzerterlebnisse reicher. Schon jetzt, eine gute Woche nach dem Festival, stößt man immer wieder auf Künstler*Innen, die man ärgerlicherweise aus welchen Gründen auch immer auf dem Festival verpasst hat. Ob man zu lange im mit den wunderbarsten Menschen gespickten Camp saß, die Abkühlung im See zu verlockend oder der Hunger auf die Pizza im Ort zu groß war, eine Überschneidung es nicht zuließ oder man den Act schlicht und ergreifend noch nicht kannte. Das ist aber überhaupt nicht schlimm, gehört es doch seit jeher genauso zum Haldern Pop Festival wie die etlichen Konzerthighlights – und das wird es auch weiterhin. Zu einem Haldern Pop Festival, dass 2019 endgültig das Bild des Indie/Singer-Songwriter-Festivals gegen das eines vielseitigen Entdeckerfestivals eintauschen konnte.

Lewis Wellbrock

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