Festival-Nachbericht

Haldern Pop Festival 2016


Hallo, liebes Haldern, was ist los mit dir? Schon bevor ich in diesem Jahr zum Haldern Pop Festival fahre, habe ich so ein Gefühl, dass sich irgendwas verändert hat. So ganz greifen kann ich es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass viele Leute, die sonst jedes Jahr dabei sind, abgesagt haben, oder auch daran, dass das Line-up mich nicht vom Hocker haut. Kann der Besuch des Festivals denn etwas am Gefühl ändern?

Bevor der große Regen kommt, haben wir es geschafft, unsere Zelte und den Pavillon aufzubauen, sodass die ersten Konzerte ohne mich stattfinden. Es ist nämlich einfach viel schöner, im trockenen Zelt zu liegen und zu dösen oder unterm Pavillon zu sitzen und Gegrilltes zu essen, statt sich ins Nasse zu begeben. Zu Jack Garratts Konzert schaffe ich es dann aber doch, mir die Gummistiefel anzuziehen und mich durch den Matsch zum Festivalgelände vorzuarbeiten. "Liegt es vielleicht am Regen, dass sich das Haldern-Gefühl noch nicht so richtig einstellen möchte?", fragt mich eine Freundin. Nein, das ist es, glaub ich, nicht. Letztes Jahr bei dem starken Regen haben wir eine halbe Stunde im Dixieklo verweilt, um dann festzustellen, dass es nicht besser wird und sind pitschnass, aber gut gelaunt ins Spiegelzelt geflohen, um uns dort trocken zu tanzen. Aber der Regen hat in diesem Jahr bestimmt auch sein Übriges getan, denn als am Samstag irgendwann mal die Sonne raus kommt, geht es den Besuchern doch schon deutlich besser.

Besucher des Haldern Pop Festivals kann man mit Menschen mit einer unbefristeten Festanstellung vergleichen. Die wenigen Tickets, die es gibt, sind schnell an immer die gleichen Personen vergeben. Sehr viele kommen seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten zum Haldern. Da muss schon was passieren, dass sie sich dagegen entscheiden und ihren Platz für eine "neue" Person freigeben. Für mich persönlich ist es das 11. Jahr, da ist es an der Zeit, ein wenig zu resümieren. Was zeichnet das Haldern eigentlich aus? Die Musikauswahl ist immer noch besonders, aber es gibt mittlerweile auch kleinere, liebevollere Festivals, die mit sogar besserem Booking aufwarten können. Das Festivalgelände ist nicht wirklich besonders. Was einzigartig ist, ist in jedem Fall das Spiegelzelt, mit all seinen Vor- und Nachteilen, das für eine ganz besondere Atmosphäre bei den Konzerten sorgt. Allgemein für eine besondere Atmosphäre sorgt die ländliche Idylle und die Zusammenarbeit von Dorf und Festival. Was aber wirklich besonders ist, am Haldern, das sind die Menschen, die dort hin kommen.

Generationen vereinen sich beim Haldern, Familien genießen zusammen Livemusik oder auch das gemeinsame Campen. Es herrscht eine freundliche Atmosphäre. Die Tickets werden blauäugig gekauft, ohne dass schon ein Act feststeht – auch, wenn sie mittlerweile verdammt viel kosten. Dieses Haldern-Publikum, das ist ein ganz besonderes, das lebt für sein Festival. "It?s so easy to play in Haldern!", freute sich Casper Clausen von Liima am späten Donnerstag und meinte damit, dass das Publikum so dankbar und glücklich ist und die Menschen auf der Bühne absolut wertgeschätzt werden. Dankbar sind sie auch denen hinter der Bühne gegenüber, die jedes Jahr dieses Festival auf die Beine stellen. Trotzdem gibt es 2016 erstaunlich viele kritische Stimmen zu hören und überaus viele Tickets werden im Vorhinein weiter verkauft. Kritik gibt es am Line-up, das nicht überzeugt, oder darüber, warum man diese ganzen melancholischen Menschen so spät abends singen lässt, wenn die Besucher schon so schläfrig sind. Zurecht wird sich auch über die ewig langen Schlangen und die Unmöglichkeit, sich entspannt einen Act im Spiegelzelt anzuschauen, beschwert. Die übertriebene Sicherheitskultur lässt auch einige den Kopf schütteln – denn wie soll man denn sein Picknick auf dem Gelände machen, wenn nur ein Brustbeutel oder eine Gürteltasche mit rein genommen werden darf und sogar Gummibärchen eingesackt werden? Zu all dem kommt dann auch noch dieser Hubert von Goisern. Wer zur Hölle hat das Gerücht in die Welt gesetzt, dass Schlager- und Bierfestmusik nun en vogue sind und auch auf dem Haldern gespielt werden dürfen?! Bei all dem sind da aber auch die sehr guten Momente, die das Haldern ausmacht:

- Gewalt, die im kleinen Tonstudio Keusgen für Saunaatmosphäre ohne Gemütlichkeit sorgen, indem sie brutal ehrlich und gesellschaftskritisch ihre Texte rausschreien und dazu mit Bierflaschen Gitarre spielen, während eine blaue Rundumleuchte die einzige Lichtquelle ist.

- Fai Baba, der mal ausgedehnte Sessions, mal abrupte Abbrüche bringt und mit seinem sphärischen Wüsten-Surf-Sound begeistert.

- Liima, bei denen man nicht so recht weiß, was das eigentlich für ein Soundgemenge ist, in das sie ihre Songs live verwandelt haben. In jedem Fall großartig, elektrolastig, experimentell und verdammt tanzbar. Der verquirlte Gesang von Casper Clausen, der lediglich in transparentem Regencape und Unterhosen auf der Bühne steht, fügt sich perfekt in dieses irre Gemisch.

- The Angelcy, die einen unglaublichen Auftritt in der Haldern Pop Bar abliefern, in dem so viel Liebe und Talent steckt und die auf atemberaubende Art traurige und politische Themen, die die Menschen aus Israel beschäftigen, zauberhaft und melancholisch oder auch irrwitzig verpacken.

- Drangsal, die nicht, wie befürchtet, abgehoben sind, sondern sympathisch mit dem Publikum plaudern: über den Auftritt von Die Nerven, über den Ersatzbassisten, über die von der Freundin geschenkten Birkenstocksandalen. Die hätten den Matsch nicht überstanden, wenn sich nicht ein freundlicher Halderner bereit erklärt hätte, Sänger Max über das Gelände Huckepack zu tragen.

- Die Nerven müssen natürlich als nächste in der Auflistung folgen. Die spielen vor dem ihrer Aussage nach bisher größten Publikum auf der sehr gut besuchten Hauptbühne im Sonnenschein und sorgen für anständigen Krach und schönes Gemoshe.

- The Lytics dagegen bringen die Arme zum Bouncen und beglücken die Hip-Hop-Fans, während sie selbst mit riesigem Grinsen auf der Bühne stehen. Später laufen sie entspannt durch die Menge, geben aufgeregten Kids Autogramme und lassen verkünden, wie glücklich sie sind, beim Haldern sein zu dürfen.

- Wintergatan haben zwar nicht die Marble Machine dabei, dafür aber wieder viele andere verrückte Instrumente aus Martins Wunderwerkstatt, mit denen sie das Publikum glücklich stimmen. Nach dem Auftritt steht Martin dann auch in der Menge, um über Instrumentenbau zu quatschen und Downloadcodes zu verschenken.

- GoGo Penguin lassen mit ihrer Jazzneuerfindung einige Münder offen stehen. Mit Rockstarattitüde spielen sie so unverschämt qualitativ hochwertige Musik, dass sie alle begeistert zurücklassen und für ein Ausbuhen der Organisatoren sorgen, die, nachdem die Band den letzten Song ankündigt, das Konzert aus Zeitgründen schon vorher abbrechen.

- Thees Uhlmann, der heimliche Headliner am Samstag, ist mit seinem Gesabbel einfach wieder überaus sympathisch und spätestens dann der Gewinner der Herzen, als er die "Horny Horns" auf die Bühne holt, die Bläsertruppe seines Halderner Kumpels Topsen, die für einige Songs die Band unterstützt.

Es gibt sie also doch noch, die überragenden "Haldern-Momente". Und natürlich ist es Meckern auf hohem Niveau, aber wenn man den Vergleich mit anderen schönen Festivals wie zum Beispiel dem Appletree Garden hat, dann merkt man, dass Haldern eben nicht mehr so einzigartig schön ist – auch, wenn es sozusagen das Original ist. Hingehen werde ich dennoch wieder. Immerhin habe ich mich mit meinen Freunden schon jetzt fürs nächste Jahr verabredet. Vielleicht liegt bis dahin ja wieder mehr Haldern-Zauber in der Luft.

Marlena Julia Dorniak

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