Festival-Nachbericht

Haldern Pop Festival


Wie nicht anders zu erwarten, hat das Haldern-Pop-Festival auch in diesem Jahr wieder auf ganzer Linie überzeugt. Das Wetter steigerte sich von warm am Donnerstag auf wärmer am Freitag und heiß am Samstag. Dadurch verbreitete sich Camping-Urlaub-Stimmung, das oft übliche Festival-Schmuddel-Gefühl blieb dafür aus. Auch das an sich schon großartige Programm steigerte sich von einem Tag auf den nächsten. Am Donnerstag mussten sich die Besucher noch nicht mit den Gedanken beschäftigen, welche Neuentdeckung sie sich auf keinen Fall entgehen lassen sollten, da ohnehin nur das Spiegelzelt geöffnet war. Somit kam man erst gar nicht in Auswahlschwierigkeiten. Am Samstag dagegen konnte manch einer in leichten Freizeit-Stress geraten, wenn es darum ging sich zu entscheiden, ob man in den erfrischenden See springen sollte oder schon gegen Mittag zur ersten sehenswerten Band hechten. Da die Hauptbühne unweit vom See entfernt war, war man auf jeden Fall auf der richtigen Seite, wenn man sich dafür entschied, ein Konzert schwimmend oder auf der grünen Wiese liegend zu genießen.

Trotz der vielen Leute, die sich für diese Variante entschieden, war das Konzert von Dear Reader gut besucht. Irgendwie schafften es Dear Reader - zu ihrer eigenen Verwunderung, da sie ohne Erwartungen auf die Bühne gegangen waren - sich selbst und alle Menschen im Publikum glücklich zu machen. Selbst die melancholischsten Klaviermelodien ließen die Leute tanzen und jubeln.


Photos by Marlena Julia Dorniak / Dear Reader sind glücklich, Loney Dear beim Nanana-Singen, The Irrepressibles im Spiegelzelt

Aber Dear Reader waren bei weitem nicht die einzigen, die zu überzeugen wussten. Broken Records brachten das Spiegelzelt in Bewegung und somit jeden Körper zum Schwitzen, Wildbird & Peacedrum wirkten vielleicht für manche verstörend, boten aber eine atemberaubende und Energie-geladene Show. Wintersleep waren so gefragt, dass auch ewiges Anstehen vor dem Spiegelzelt keine Aussicht auf Einlass in eben dieses versprach, und sich somit mindestens genauso viele Zuschauer das Konzert von draußen auf der Leinwand ansahen wie vor der Bühne - und trotz Übertragungs-Verzögerungen waren alle begeistert. Zu späterer Stunde hielt es nicht mehr so viele Leute auf den Beinen, darum war es auch unproblematisch, sich die jeweiligen Headliner des Abends im Spiegelzelt wahlweise gemütlich aus einer der schönen Eckbänke mit Blick auf die Bühne, oder auch ungemütlich mitten auf der Tanzfläche befindlich anzuschauen. The Irrepressibles hinterließen bei vielen Leuten ein Staunen, ob nun vor Entzückung oder Unverständnis über das Dargebotene... nennen wir es mal Musical-Oper-Konzert-Erlebnis. Health, die das Festival gelungen in der Samstagnacht abschlossen, waren ebenso außergewöhnlich, aber dafür mit ihrer Action-Beat-Test-Icicles-Space-Odyssee umso mitreißender.


Photos by Marlena Julia Dorniak / Health, The Maccabees, Cambria von Port O'Brien

Nachdem die Thermals auf eine vom Publikum mitgebrachte, an einem mehrere Meter langen Fahnenmast schwingende Patrick-Swayze-Fahne aufmerksam geworden waren, widmeten sie dem (angeblich) einige Tage zuvor verstorbenem Schauspieler sogar einen Song. Das brachte ihnen einigen Applaus und mit Sicherheit auch ein wenig dirty dancing ein. The Maccabees fuhren eine ebenfalls rockigere Show in dem ansonsten sehr folkigen und ruhigen Programm des Haldern Pop 2009. Das brachte eine willkommene Abwechslung, auch wenn man mit dem rekordverdächtig Streicher-lastigen Musik-Angebot überaus zufrieden war.

Andrew Bird und Bon Iver tauschten kurzerhand die Spielzeiten, da Mister Birds Flieger Verspätung hatte. Dank dem Wechsel hatte man dann aber in der Dunkelheit auch mehr von Andrew Birds Lichtshow, die sein zauberhaftes Gezwitscher schön untermalte. Zugleich konnte man Bon Ivers Konzert im wärmenden Abendrot betrachten, was zu einem der emotionalsten Augenblicke des Festivals zählte. Nicht nur das Publikum vor der Bühne war begeistert, auch im Backstage-Bereich wurde das Konzert erfreut mitverfolgt. Am Bühnenrand konnte man unter anderem die Maccabees, Dear Reader und andere bekannte Gesichter erkennen, die sich Bon Iver nicht entgehen lassen wollten.


Photos by Marlena Julia Dorniak / Bon Iver im Abendrot, Der Super-8-Haldern-Trailer-Macher, Der Zeltplatz

Leider gab es auch einige Ausfälle. So konnte Jonathan Jeremiah nicht auftreten, und auch Soap & Skin hatte kurzfristig abgesagt, da sie sich bei einem anderen Konzert beim Sturz von der Bühne einen Arm gebrochen haben soll. Damit verschafft sich die Gute so langsam einen vergleichbaren Ruf wie Pete Doherty; jedenfalls was die Auftritts-Wahrscheinlichkeit angeht. Einige Glückliche wurden für den Ausfall von Jonathan Jeremiah durch einen spontanen Auftritt von William Fitzsimmons und "einem Singer-/Songwriter, der gerade zufällig auf seiner Hochzeitsreise vorbei kam" belohnt. Alle anderen mussten nicht traurig sein, denn es gab ja auch ansonsten genügend schöne Augenblicke. Das ging so weit, dass man sogar leicht melancholisch wurde, als man nach dem allerletzten Act begriff, dass es nun wirklich vorbei war. Für alle, denen es so erging und für die, die traurig sind, weil sie überhaupt nicht dabei sein konnten, hilft nur eines: Sobald die Tickets für das Haldern-Pop 2010 erhältlich sind, sollte man sie sich bestellen! So braucht man keine Angst zu haben, dass es irgendwann keine mehr gibt - denn es wird auch im kommenden Jahr bestimmt wieder ausverkauft sein. Und auch wenn man noch nichts vom Line-Up weiß, kann man sich sicher sein dass es wieder drei wunderbare Tage werden.

Marlena Julia Dorniak

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