Festival-Nachbericht

Eurosonic Norderslaag 2017


Trotz langer Schlangen und schlechtem Wetter war das Eurosonic Noorderslag in Groningen auch in diesem Jahr wieder ein Paradies für Neuentdeckungen großartiger Bands. Unsere Lieblinge – zum Beispiel die auf dem Foto abgebildeten Weval – stellen wir euch im Nachbericht vor.

Das Eurosonic-Festival – nicht nur um die Bands, die dort auftreten, wird ein riesiger Hype gemacht, sondern auch um das Festival selbst. Dabei bietet es an sich schon mehrere große Herausforderungen, die es einem schwer machen, es gern zu haben. Zuerst einmal das Wetter. Ok, dafür kann kein Festival etwas. Aber Groningen im Winter, mit Sturm, der Fahrräder wie Dominosteine umpustet, Schnee, Regen und Eis, das ist schon eine Nummer. Dann noch die weiten Wege zwischen den Locations, vor denen, einmal angekommen, man oft eine halbe Stunde in der Schlange stehen muss, um, wenn man Glück hat, rechtzeitig zur Lieblingsband drin zu sein. Wenn das alles nicht wäre, dann wäre das Festival perfekt. Aber auch mit all diesen Mängeln möchte man es irgendwie nicht missen.

Groningen ist eine Studierendenstadt, mit netten Menschen, lauter gemütlichen Bars, schönen Läden und so einigen Konzertlocations. Auch wenn ein Ort eigentlich sonst keine Konzerte veranstaltet, kann sich das während des Festivals ändern. Da kann man beim Frisör, im Schuhladen oder in der Buchhandlung Livemusik erleben. Auch für diejenigen, die kein Festivalticket haben, gibt es Programm. Nicht nur beim Frisör, sondern auch in vielen anderen Kneipen, die ihr eigenes Festival, das "Altersonic" auf die Beine gestellt haben und nun Alternativkonzerte veranstalten. Außerdem kann man sich im riesigen Zelt auf dem Grote Markt auf der Eurosonic-Air-Bühne ebenfalls Bands angucken, völlig kostenlos. Dort spielen Acts, die etwas populärer unterwegs sind, wie Orange Skyline aus Groningen selbst, die brillanten Indie-/Elektropop spielen, bei dem man das Gefühl hat, die Songs alle irgendwoher bereits zu kennen. Oder Kraantje Pappie, die ihren Kollegen von Lil'Kleine & Ronnie Flex in nichts nachstehen und das Zelt zum Mitsingen und Abfeiern bringen.


Orange Skyline // Foto-Credit: Marlena Julia Dorniak

La Jungle boten am Freitag eine der ersten Shows und insgesamt eine der besten des gesamten Festivals. Die zwei Belgier heizten dem Publikum so krass ein, dass jedes Mal nach einem Song die Menge mit einem ohrenbetäubenden Grölen, Pfeifen, Applaudieren ausbrach und während der Songs wild abtanzte. Die Idles beeindruckten vor allem damit, dass der Sänger vor dem Konzert minutenlang wie ein rastloser Tiger im Käfig auf der Bühne auf und ab lief. Während des Konzerts wurde dann auch mal gerne ein Song im Publikum zu Ende gespielt. Auch sehr aufs Publikum fixiert waren Cocaine Piss, vor allem deren Sängerin. Die wollte um jeden Preis schockieren, sodass das Konzert mehr eine Performance als eine Liveshow einer Band war. Während die Band ihre ersten Songs spielte, mischte ein Mann das Publikum auf, indem er die Leute heftig schubste und anrempelte, sodass ein menschenleerer Moshpit entstand. Auf den Boden warf er dann mehrere Gläser, sodass alles voller Scherben war. Kurz darauf sprang die Sängerin ins Publikum, schmiss sich auf den Boden, schrie ins Mikrofon und wurde von dem Mann auf dem Rücken liegend durch die Glasscherben gezogen. Trupa Trupa aus Polen brauchten keine exorbitante Show, um ein gutes Konzert abzuliefern. Melancholischer Britpop/-rock mit Jazzeinflüssen, teils gespielt auf einer selbstgebauten E-Gitarre aus einem Blechkasten, begeisterte die Anwesenden.


La Jungle // Foto-Credit: Farina Kock

Portugal war in diesem Jahr das Themenland des Eurosonic. Eine Band aus Portugal sind Memória De Peixe, die im Vorhinein hoch gelobt wurden. Live boten sie elektronische Indiepop-Musik mit verspielten Loops – was im Endeffekt ganz schön war, mehr aber auch nicht. Bei Onuka hatte man das Gefühl, dass hier das Eurosonic mit dem Eurovision verwechselt wurde. Mit ihren goldenen, glänzenden Kleidchen und einer Horde Blechbläsern, bei denen man ein Playbackspiel vermutete, bot die Band allenfalls eine gute Popshow. Sauropod aus Norwegen heizten dem Publikum mit ihrer Symbiose aus Indierock und Punk ordentlich ein, BIRTHH, die 19-jährige Italienerin Alice Bisi erinnerte mit ihrer Musik und auch ihrer Scheu vor dem Publikum an The XX, Alma, die groß gefeierte finnische Newcomerin, hatte vor ihrem Konzert für lange Schlangen vor dem Grand Theatre gesorgt. Sie konnte die Erwartungen aber scheinbar nicht erfüllen, denn der volle Saal leerte sich während der Show, bei der drei Elektrodrummer Alma und ihre Schwester auf der Bühne unterstützten, immer mehr.

Das Noorderslag ist ein eigenes Festival für sich, das am Samstag, dem letzten Tag des Eurosonic Noorderslag Festivals, stattfindet. Bis nachts gibt es im De Oosterpoort auf zehn Bühnen ein Konzert nach dem anderen zu sehen, alle von Künster_innen und Bands aus den Niederlanden. Wirklich beeindruckend, wie hochwertig und vielfältig die Musikszene des Landes ist. Auch beim Noorderslag gab es großartige Acts zu entdecken. Weval boten grandiose Live-Elektronik mit einem der besten Schlagzeuger des Landes, wie im Publikum erzählt wurde. Ihre Musik brachte die teils bestuhlten Ränge und den Dancefloor zum Tanzen. Jeangu Macrooy lieferte mit seiner Band zwischen rankenden Pflanzen und schwingenden Hüften eine sensationelle Show im Patiozelt ab. Zum Abschluss spielte er seinen Song "Step Into The Water", der vielversprechend für ein erfolgreiches Durchstarten im neuen Jahr ist. Bereits durchgestartet – dank ihrer "skills" – sind Mozes And The Firstborn. Die waren, wie viele andere Acts auch, mehrmals live zu sehen während des Eurosonic. Bei ihrer letzten Show sang Melle Dielsen den Song "I Got Skills" teils im Kopfstand.

Crying Boys Café traten mit Palme und Pferdewiehern auf und gaben eine Mischung aus gut gelaunten Motorama mit Jens-Lekman-Charme. Für guten Rap sorgten SFB, Avi On Fire spielten fröhlichen Indie-Pop, The Jerry Hormone Ego Trip mimten den Matrosen-Hives-Stylemix, Klangstof waren tanzbar und verträumt zugleich, klangen wie Mogwai auf Elektro, The Grand East boten 70er Rock mit einem genialen Frontmann, der Glammetalallüren zum Besten gab und Pip Blon entpuppte sich als lange verlorener Courtney-Barnett-Zwilling – zumindest, was Sound und Auftreten angeht.


45ACIDBABIES // Foto-Credit: Brian Esselbrugge

Bei der Show der 45ACIDBABIES passierte dann das, was über Anzeigetafeln beim gesamten Festival strengstens verboten war: Bierbecher wurden durch die Gegend geworfen. Die trafen aber nicht die Band, sondern "nur" die tanzende und ausrastende Menge der Menschen vor der Bühne, die ohnehin eine Abkühlung vertragen konnte. Gesitteter ging es bei The Kik im Groote Zaal zu – dem lebenden Beweis, dass man selbst dann noch die Beatles überzeugend kopieren kann, wenn man auf niederländisch singt.

Das Eurosonic Noorderslag ist ein tolles Festival, um jede Menge Neuentdeckungen zu machen, nachts zwischen den Shows frittiertes Essen aus dem Automaten zu ziehen, Kontakte zu Menschen in der Musikszene zu knüpfen oder einfach nur eine gute Zeit in Groningen zu verbringen. Die meisten Besucher_innen werden wahrscheinlich wieder kommen – nicht umsonst steht auf der Rückseite des Festivalbändchens "See you next year!".


La Jungle – Einen Einblick in die wilde Liveshow bekommt man im Video zum Song "Helizona"


Orange Skyline – werden mit ihrem neuen Song "Enemy" wahrscheinlich auch in diversen Charts Erfolge feiern


45ACIDBABIES – Bei der 3voor12-Session noch verhältnismäßig brav, später nachts wesentlich energiegeladener


Weval – Großartige elektronische Tanzmusik, auf der Bühne auch gerne live mit Instrumenten vertont


Jeangu Macrooy – Nicht nur bei der 3voor12-Session, sondern auch später im Patiozelt des Oosterpoort absolut überzeugend und mitreißend

Marlena Julia Dorniak

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