Festival-Nachbericht

BootBooHook Festival


Hannover ist eigentlich ein ganz nettes Städtchen und seit das Bootboohook jährlich dort gastiert, gibt es einen guten Grund mehr, der Hauptstadt Niedersachsens mal einen Besuch abzustatten. Gelegen in einer sowieso wunderschönen Location hatte das BootBooHook 2010 dieses mal auch den Wettergott auf seiner Seite und konnte mit einem hübschen und sehr abwechslungsreichen Line-Up vollkommen überzeugen.

Den Hamburgern von Tanner gebührte die Ehre, die dritte Ausgabe des Festivals zu eröffnen, was sie auch ganz solide erledigten. The Horror The Horror zeigten im Anschluss leider, warum sich niemand mehr an die Indie-Pop-Band aus Schweden erinnern kann: langweilige Songs und ein uninspirierter Auftritt sind einfach zu wenig, um mehr als höflichen Beifall zu ernten. Die Meisten warteten ohnehin nur auf die alten Helden von The Wedding Present, die ihr zweites Album „Bizarro“ in voller Länge präsentierten. David Gedge und Co. zeigten sich in guter Form und die Spielfreude war ihnen deutlich anzumerken. Streckenweise geradezu euphorisch vom Publikum gefeiert, schredderte sich die Band aus Manchester so durch ihr Set und die Vorfreude auf ein neues Album dürfte bei vielen enorm gewachsen sein. Danach fand vor der Bühne ein Generationenwechsel im Publikum statt. Die Indie-Jugend möchte Friska Viljor sehen und die Schweden bedienten ihre Fans mit dem, was sie am besten können: einem spaßigen Auftritt mit jeder Menge Hits und noch mehr Gesten. Zu oft gesehen, so dass man lieber ins kleine Mephisto zu Magic Arm abwanderte. Der britische Solist begeisterte dort mit einer tollen Mischung aus Folk und Electronica und spielte dank Looping-Technik ein halbes Dutzend Instrumente schon mal parallel. Auch eine superbe Coverversion von LCD Soundsystems „Daft Punk Is Playing In My House“ hatte der Mann im Gepäck, die völlig anders daherkam als das Original. So muss das sein!

Dann war es für den ersten Headliner des Bootboohook an der Zeit, auf die Hauptbühne zu treten. The Notwist brannten dort ein Feuerwerk ab, das in der gesamten Festivalsaison 2010 mit Sicherheit zu den absoluten Highlights gehören dürfte. Es passte einfach alles. Unfassbar guter Sound, keine Wünsche offen lassende Setlist, eine Band, die spürbar in jeder Sekunde Spaß hatte und ein elektrisiertes und gleichermaßen respektvolles Publikum. Eigentlich ein perfekter Abschluss für den ersten Festivaltag, so dass damit trotz Herpes, Urlaub In Polen und ein paar anderen Bands der Freitag beschlossen wurde.

Und außerdem gab es am Samstag ja noch mehr Bands zu sehen. Neben dem unverwüstlichen Bernd Begemann, der wieder eine Zote nach der anderen ins Publikum feuerte, lieferten Anajo eine gemütliche Nachmittagsshow zum Abhängen und Sonne Genießen ab. Leider hatten Die Sterne im Anschluss zuerst mit großen Soundproblemen zu kämpfen, so dass ihr Set erheblich kürzer ausfiel als von Frank Spilker selbst gedacht. Der treibende Disko-Gig endete somit leider etwas abrupt. Dafür legte sich das vogelwilde The Go! Team dann umso mehr ins Zeug. Jedes Bandmitglied bediente mal so ziemlich jedes Instrument und Frontfrau und Energiebündel Ninja tat sich immer wieder als Entertainerin hervor.

Gewartet hatten aber natürlich alle auf die großen Hot Chip, die den gesamten Sommer über nur für zwei Termine in Deutschland waren. Einer davon natürlich auf dem BootBooHook und der war noch besser als erwartet. Zwar fehlte wegen unmittelbarer Vaterschaft mit Joe Goddard eins der beiden „Gesichter“ der Band, doch ein neuer Livedrummer machte diesen Verlust mehr als wett. Die Songs klangen so organischer und weniger aus der Konserve. Dazu gab Alexis Taylor eine ziemlich beeindruckende Gesangsleistung ab. Selbstredend, dass im Publikum getanzt wurde wie blöde. Wer danach noch nicht genug hatte, konnte sich zuerst noch mit Nom De Guerre und The Ruby Suns zwei sehr interessante Bands anschauen, bevor der Audiolith-Tross alles in Schutt und Asche legte. Aber keine Angst, bis nächstes Jahr ist sicherlich wieder alles aufgebaut und man darf sich auch 2011 auf ein tolles Festival mit gutem Line-Up freuen.

Benjamin Köhler

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