Festival-Nachbericht

Berlin Festival


Normalerweise sind Festivalrückblicke ja etwas sehr Schönes, Angenehmes. Da war man ein Wochenende zusammen – meist aus der realen Welt ein wenig ausgeklinkt –, man traf Tausende neuer und alter Freunde, jubelte den Menschen zu, deren kreative Ideen das Leben begleiten und nahm eine Menge Vorfreude für den nächsten Sommer mit. All das könnte man durchaus auch über das Berlin Festival schreiben, hätte dem Ganzen nicht ein bitterer Beigeschmack durch Festivalabbruch am Freitag und Dezimierung des Programmes am Samstag beigewohnt. Wie konnte es dazu kommen? War es notwendig, diesen harten Schritt zu wagen oder nur erhöhte Panik vor einer zweiten „Loveparade“? Schwer zu sagen, als Außenstehender kann man dies sicher auch nicht richtig bewerten. Was man machen kann, ist einen subjektiven Erfahrungs- und Erlebnisbericht zu schreiben.

Wir fangen am Eingangsbereich und damit bei den Besonderheiten an: Das Berlin Festival findet auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof statt. Es ist schon etwas Außergewöhnlich, durch eine riesige Eingangshalle mit alten Anzeigen, Förderbändern und Abfertigungsschaltern geleitet zu werden. An diesen wird auch das Ticket gegen Bändchen getauscht – nächster Flug Hauptbühne. Dort beenden gerade die Blood Red Shoes ihr Set. Im Hangar 5 ertönt der Noisepop von The Megaphonic Thrift. Nach deren Ende werden ein paar Augenblicke Adam Green mitgenommen, die schon reichen, um festzustellen, dass es gut ist, wenn auf zwei Bühnen gleichzeitig Programm ist. Die Alternative lautet MIT und bietet guten Elektro-Indie-Pop, eine Beschreibung, die allerdings auch auf gefühlt 80% des Lineups zutrifft. Zum Beispiel auch auf Goose, deren Show ein sehr guter Einstieg ins Festivalfeeling ist. Tanzbarer Indie, dazu ein euphorisches Publikum – was will man mehr. Schwenk zur Hauptbühne: Andere Stage, gleiches Bild. Oben stehen LCD Soundsystem, unten zehntausend gut gelaunt tanzende Menschen.

Nach kurzer Umbaupause eröffnen die Editors mit „In This Light And On This Evening“ ihr knapp zweistündiges Set. Es dauert ein wenig, bis die Band es schafft, mitreißende Wirkung zu erzielen. Während der ersten Songs sind die Reaktionen der Besucher ziemlich kühl. Spätestens zu „Blood“, „Munich“ und „You Don’t Know Love“ überwiegt aber auch hier die Euphorie. Leider führen die nun folgenden Ereignisse dazu, dass die Festivalstimmung in Frustration umschlägt. Laut Timetable sind die Editors die letzte Band auf der Hauptbühne und es ist gerade Mitternacht. Laut Plan spielen alle folgenden Künstler entweder in einem der beiden Hangars, legen auf einer „mobilen Disko“ (vergleichbar mit einem herumziehenden Bollerwagen auf dem Campinggelände diverser anderer Festivals) oder dem Club Berlin Floor auf – eine kleine Freiluftlocation mit so schwachen Boxen, dass der Sound ungefähr 50 Meter reicht. Angesichts dieser Alternativen und dem Umstand, dass ein Großteil der „bekannteren“ Acts wie Fever Ray, Atari Teenage Riot und zum Abschluss Fatboy Slim im Hangar 4 spielt, wird dieser bereits kurz vor Ende der Editors von großen Teilen des Publikums angesteuert. Es kommt, wie es kommen musste: Der Hangar fasst Berichten zufolge 5.000 bis 6.000 Personen, an die 20.000 befinden sich auf dem Gelände. Der Eingang wird wegen drohender Überfüllung vorübergehend geschlossen, ein Großteil der Leute, die Fever Ray sehen wollen, müssen draußen bleiben. Da auch der zweite Hangar mit seinen ca. 3000 Stehplätzen schnell voll wird, sperrt man aus Sicherheitsgründen auch hier irgendwann ab. Nachdem die Fever-Ray-Lasershow (die Band hielt sich wie immer im Nebel versteckt) endete und die Schnittmenge aus Fever-Ray- und Atari-Teenage-Riot-Fans doch recht klein zu sein schien – es wurde leer im Hangar – öffnete man noch einmal die Schleusen zum Eingang. Neues Publikum strömt herein, die neuformierten Hardcorepioniere liefern ein knallhartes, aber wahnsinnig gutes Konzert, das noch Tage später Nackenschmerzen spüren lässt.

Während des Herausgehens nach Atari Teenage Riot wirkte das Festivalgelände bereits relativ leer. Einige wenige folgten der stupiden Disko auf dem Bollerwagen, auch die Club Stage war eher dünn besucht. Es staute sich am Eingang zu Hangar 4, noch sah aber – wie auch bei Hangar 5 – alles relativ normal aus.

Fünf Minuten später wurde das Festival für diesen Tag abgebrochen. Im Hangar 4 kam es wohl zu unschönen Szenen seitens des Publikums, das alles Mögliche Richtung Bühne warf. Wenig später die Meldung: Hangar 5 bei Caribou sei voll gewesen, die Masse habe versucht, zu Hangar 4 zu gelangen. Dort sei die Situation zu unübersichtlich geworden, die Masse habe aggressiv Richtung Eingang gedrückt – ein Umstand, den man auch schon Stunden zuvor bei Editors/Fever Ray beobachten konnte. Statt Durchsagen zu beachten, man möge doch bitte die Lage nach Hinten etwas entspannen, entschieden sich viele jetzt erst Recht nachzuschieben, in der Hoffnung, man käme noch irgendwie rein.

Die Polizei entschloss sich deswegen, in Absprache mit dem Veranstalter, das Festival für Freitag zu beenden. Darüber zu diskutieren, ob dieser Schritt richtig oder falsch war, wer Schuld hat, dass es zu dieser Situation kam – da hat wohl jeder seine eigene Sicht der Dinge. Die Hauptfrage, die im Raum steht, ist wohl, wie es sein kann, dass die beiden Hangars, in denen das Musikprogramm stattfand, nicht einmal die Hälfte der zahlenden Gäste fassen können. Dass ein Künstler wie Fatboy Slim auf einem Festival mehr als 5.000 Leute in eine Halle zieht, auch wenn es 4 Uhr morgens ist, damit hätte man rechnen können. Ebenso könnte man etwas weiter denken und fragen, wieso man für ein Festival, das Aushängeschild Berlins sein könnte, nur bis Mitternacht die Erlaubnis bekommt, eine größere Bühne zu bespielen. Klar, es ist mitten in der Stadt, aber das Flughafengelände ist riesig und es war nicht einmal ansatzweise so laut, dass man die Bühnen außerhalb des Geländes gehört hätte.

Sehr kurzfristig wurde aufgrund dieser Ereignisse das Programm für Samstag neu zusammengestellt. Ab sofort hieß es: Nur noch bis 23 Uhr, alle Bühnen parallel – was dazu führte, dass die Spielzeit bei gut der Hälfte der Künstler gekürzt wurde. Wer nicht schon am frühen Nachmittag wieder auf dem Gelände aufkreuzte, dem konnte der Samstagabend eher wie ein verlängertes Einzelkonzert mit Vorbands vorkommen. Glücklicherweise merkte man den Bands das Chaos nicht an – auch am Samstag waren die Konzerte durch die Bank sehr gut. Die alten Herren der Gang Of Four hatten zwar erheblich mit Mikrophonausfällen zu kämpfen, zeigte, aber trotzdem, dass der Schrammelindie keine Erfindung der letzten zehn Jahre ist. Überzeugend war auch der Auftritt von Soulwax, wenngleich deren Bühnenshow schmerzlich die dazu passende Dunkelheit vermissen ließ. Tricky, der im Hangar 4 spielte, hatte einen eher entspannten Arbeitstag. Er beschränkte sich meist darauf zu rauchen, durchs Publikum zu laufen, dieses zu umarmen und ab und an ein paar Worte ins Mikrophon zu nuscheln. Den größten Teil des Auftrittes überließ er seiner Band samt Sängerin. Wer dem beiwohnte und danach Richtung Hauptbühne lief, konnte erleben, was hinter dem Wort „Heimvorteil“ steckt. Der DJ Boys Noize spielte gerade auf und zog ähnlich viel Publikum wie die Editors. Die danach spielenden Hot Chip beendeten kurz vor Mitternacht das Berlin Festival 2010.

Was bleibt nun im Rückblick? Zunächst einmal viele sehr gute Auftritte und die Erkenntnis, dass das extrem überzogene Hippsterpublikum teilweise wie von einem anderen Stern erscheint. Aber gut, auch die werden irgendwann 25. Dazu die chaotischen Ereignisse des Freitags, dazu die etwas unglückliche Umorganisation des Samstags. Leider auch die Situation der sanitären Anlagen, von denen es deutlich zu wenig gab, was dafür sorgte, dass das Aufhalten rechts neben der Bühne fast unmöglich war – dort war der Zaun. Sicherlich wird es auch im Nachhinein noch viele Diskusionen über dieses Wochenende geben. Hoffen kann man nur für das nächste Jahr – sollte es eine Neuauflage geben, wird man sicher aus den Erfahrungen von 2010 lernen.

Klaus Porst

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