Festival-Nachbericht

Berlin Festival


Berlin, Berlin. Hauptstadt. Hauptstadtfestival. Irgendwie erwartet man viel und vielleicht verpasst man auch viel, während man mal wieder auf irgendeiner deutschen Autobahn im Stau steht. Vielleicht schwebt gerade ein neonfarbenes Plakat über der Stadt, das allen Bewohnern verkündet, sie sollen ins Poststadion strömen und vielleicht spielen dazu auch pausbackige Kinder mit blonden Locken Trompete und Herr Wowereit tanzt auf der Hauptbühne Discofox zu The Films. Vielleicht. Wir werden es wohl nie erfahren und es mag sein, dass zaghafte Versuche des trostlosen Sommers, doch noch was richtiges zu werden, uns in unserem schwarzen Spielzeugauto das Gehirn wegschmelzen.

Wie auch immer. Als wir auf jeden Fall viel zu spät am Poststadion ankommen, sieht die Welt deutlich langweiliger aus. Da ist eine lange Schlange voller Menschen, um die herum die Luft deutlich ein paar Grad kühler ist. Voller Überzeugung, dies seien normale Festivalbesucher, die entweder an der Abendkasse noch Karten erwerben oder endlich noch eines dieser tollen bunten Bändchen, die am Ende jedes Sommers aus dem Standard-Musikfan einen echten Wolle Petry machen, abholen wollen, stolzieren wir mal eben vorbei, erfüllt von tiefer Dankbarkeit, uns da nicht anstellen zu müssen. Doch, oh Schreck, da steht ja ein bekanntes Gesicht artig an. Freundliche Aufklärung, dass dies hier keineswegs die normale Besucherwarterei, sondern tatsächlich die Gästelisteschlange sei. So ist das in Berlin. Jeder ist wichtig. Als zahlender Gast hätte man keine anderthalb Stunden anstehen müssen, sondern gar nicht. Vielleicht ist das auch eine Form von Gerechtigkeit, die Rache an den sogenannten Musikjournalisten und wichtigen Menschen – wer schnorrt, muss auch warten.

Midlake spielen wohl da drüben irgendwo, zu sehen ist nichts, zu hören auch nur ein bisschen. Vermutlich befinden sich am Ende weniger als 25% zahlende Besucher (hier: Übertreibung als Stilmittel) auf dem Gelände, jeder hat angesichts übertriebener Ticketpreise versucht, es noch auf die Gästeliste zu schaffen. Verzweiflung kann sich da schon mal breit machen, wenn sich nach endloser Warterei herausstellt, dass der Name aus ominösen Gründen doch nicht auf der Liste steht. "Bitte, bitte, schauen Sie noch mal nach! Haben Sie keine andere Liste? Ich MUSS da draufstehen! Ich bin von Radio XY!"

Die Hauptbühne ist gerade geräumt, als wir es endlich hinter die Absperrung geschafft haben. Nach all dem Brimborium da draußen und einer wahren Plakatüberflutung in der ganzen Stadt und auf diversen anderen Festivals und den stattlichen Eintrittspreisen erwartet man DAS Highlight des Sommers. Etwas Großes, Bedeutendes. Stattdessen sieht es im Poststadion aus wie beim Freibadfestival in Hintertupfingen. Da ist eine sehr, sehr niedliche Hauptbühne und davor eine romantisch schöne Wiese mit Liegestühlen und weit verstreuten Menschen. Was man in Hintertupfingen natürlich nicht geboten bekommt: So viele stylische, lässige, szenige, schöne, wichtige, was-auch-immer Menschen, die herum sitzen, liegen, stehen, essen, cool sind. Wer glaubt, nach dem Melt schon jegliche Form von Extravaganz gesehen zu haben, der sollte sich nach Berlin aufmachen. Viel Anstrengung fürs Auge. Sponsor ist übrigens NIL. Es hätte nicht passender sein können.

Ein Besuch der hinteren Bühne, idyllisch hinter Hecken und unter Bäumen versteckt, hinterlässt einen noch merkwürdigeren Eindruck. Shitdisco tun da gerade auf der Bühne irgendetwas Unidentifizierbares, werden dabei jedoch massiv von der plärrenden Musik des Kaffeewagens nebenan übertönt. Kopfschütteln.

Zurück an der Hauptbühne präsentiert sich gerade mal wieder myspace.com. Als ob das noch nötig wäre. Hier wurde eine Karaokeshow organisiert, das ist manchmal witzig und häufig peinlich. T-Shirts, auf denen man gleich seine Myspace-Adresse der Öffentlichkeit verkünden kann, wurden außerdem verteilt. Wie viele Pärchen sich wohl durch diese Aktion gefunden haben?

Peter, Björn and John retten schließlich vor Alpträumen vom gläsernen Menschen im Internet. Das ist ja eine ganz bezaubernde Liveband, auch wenn langes Touren und plötzlicher Erfolg ihre Spuren hinterlassen haben. Peter hat sich von einem schmalen Indiejungen in einen braungebrannten, leicht übergewichtigen Surferboy verwandelt. Björn sieht deutlich mitgenommen aus und John, ja... Ist das überhaupt John? Ist dem Glatzkopf vom Januar-Konzert in Köln plötzlich eine dichte, dunkle Mähne gewachsen? Wer ist hier eigentlich falsch? Egal, wer auch immer er ist, gut ist er auf jeden Fall. Die Songs bekommen live immer diesen herrlichen schrammeligen Sound und bisweilen dauert es eine Weile, bis überhaupt klar wird, dass das da gerade keine B-Seite, sondern ein Albumsong ist, der sich gerade umgezogen hat, um mit dem Berliner Publikum mitzuhalten. Bei "Young Folks" freut sich die Masse nach wie vor, alle pfeifen selig, nix mit totgelaufen, trotz dieser grauenhaften Oliver Pocher-Verstümmelung. So leicht sind auch gut gekleidete Menschen glücklich zu machen.


Photo Credits: Mike Menzel // www.emo-pics.de

Anschließend warten alle auf Tocotronic. Zum ersten Mal an diesem Abend wird es vor der Hauptbühne annähernd voll, wobei die Betonung auf annähernd liegt. Von "ausverkauft" kann wohl eher keine Rede sein. Die – inzwischen kann man sie wohl schon so bezeichnen – Altmeister werden gebührend empfangen und in alle Herzen schleicht sich diese "so müssen sich Festivalkonzerte unterm klaren Abendhimmel anhören"-Stimmung. Das ist toll, routiniert, aber nicht abgegriffen. Dirk wirkt wieder, als hätte er alle Drogen der Welt geschmissen und niemand kann seine Message wirklich verstehen, aber das ist auch egal, bei diesem stimmigen Gefüge aus alten und neuen Songs. "Sag alles ab" fühlt sich wieder an wie Mitte der Neunziger, "Aus meiner Festung" wird auch in zehn Jahren noch toll sein, nur "Kapitulation" hat zumindest mich immer noch nicht erreicht. Früher konnten Tocotronic mit wenig Worten viel sagen, heute sagen sie manchmal mit vielen Worten wenig und manchmal versteht auch einfach keiner, was sie eigentlich sagen wollen. Der Auftritt driftet fast ins Sphärische ab, bis "Freiburg" wieder alle dahin holt, wohin sie gehören. Ins Poststadion nämlich. "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt." Berlin hat statistisch gesehen die wenigsten studentischen Radfahrer überhaupt.

Tag Zwei muss für uns aus gesundheitlichen Gründen leider ausfallen, Gerüchte über ein großartiges Peaches-Heimspiel kommen uns aber zu Ohren. Insgesamt bleibt vom Berlin-Festival folgender Eindruck hängen: Wir fahren aus dem Dorf in die Stadt, um im Endeffekt doch wieder im Dorf zu landen. Zwei sehr gute Bandauftritte retten das Festival davor, wirklich den Wald- und Wiesenstempel zu bekommen.

Lisa Krichel

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