Festival-Nachbericht

20 Years Of City Slang – Tag 2


Welch herrliche Aussichten auf einen herrlichen Abend: Die Gründung des legendären Berliner Indielabels City Slang im November 1990 jährt sich zum zwanzigsten Mal, und das soll nun angemessen gefeiert werden. Diese Feierlichkeiten finden nicht irgendwo statt, im Gegenteil: Labelchef Christoph Ellinghaus und seine Mitstreiter haben keine Kosten und Mühen gescheut, um den mitten in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße liegenden Admiralspalast, eine der letzten großen Veranstaltungsstätten des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts, zu mieten. Ein ganzes Wochenende lang geben Label-Koryphäen schlichtweg Besonderes zum Besten: Ihr wichtigstes Album in kompletter Länge (The Notwist ihr "Neon Golden", wenn auch leider auf Januar verschoben), legendäre City-Slang-Songs (Calexico) oder das beste Sonntagsalbum (Lambchop ihr "Is A Woman").

Diesen zweiten Abend, von dem hier berichtet werden soll, eröffnen die aus Portland stammenden Menomena, live zum Quartett gewachsen, mit einem druckvollen Schwung aus schönem Gesang, Gitarren, Synthesizern, Saxophonen – gemischt zu proggigem, extrem abwechslungsreichen Independent. Kaum vorstellbar, dass hier nur vier Leute auf der Bühne stehen und all diese sprühende Kreativität, nicht ohne brav zwei-, dreimal City Slang zu danken, präsentieren. Die Sorge, einige der vielen Facetten des 2010er Meisterwerks "Mines" würden live untergehen, wird zunichte gemacht. Schon diese knappe Stunde Menomena-Set macht den Abend zu einem Unvergesslichen.

In den gemütlichen Umbaupausen findet das Indie-Familientreffen auch im Vorraum des Theaters statt, z.B. am Merchandisestand, wo einer der vielen sympathisch anmutenden mittvierzigjährigen Musikleidenschaftler ausgiebig beim Plattenkauf eines der vielen raren Schmankerln aus dem City-Slang-Katalog beraten wird. Das warme und zufriedene Gefühl, dass es hier heute Abend um die Liebe zur Musik geht, breitet sich aus.

Der nächste Gongschlag (wir sind hier ja schließlich im Theater!) kündigt Tortoise an. Wow. Die Herren aus Chicago entfachen ein wahrhaftiges und reines Feuerwerk des Postrock, zusammengesetzt aus Klassikern mit Schwerpunkt auf ihren drei City-Slang-Platten. Nahezu anderthalb Stunden lang versetzen sie das Publikum mit ihren bis ins Detail geplant durchdrehenden Instrumentalhymnen in Trance, ohne dabei auch nur einen Takt lang zu langweilen. Das muss man erstmal schaffen. City Slang feiernd und frenetisch gefeiert verlassen sie die Bühne. Nach so einem Auftritt fragt man sich, was denn jetzt bitte noch folgen soll, hatte man doch kurz alles um sich vergessen. Ach ja, genau. Mund abputzen, weitermachen.

Denn was folgt, ist niemand geringeres als die Nationalmannschaft der kanadischen Gute-Musik-Szene, formerly known as Broken Social Scene, um das Publikum mit Herzblut, Glückseligkeit und herrlichen Songs zu verzaubern – für nochmal circa zwei Stunden. Die neun Herren und Damen um Kevin Drew spielen einen großartigen Querschnitt durch ihr Schaffen, mit einer Hymne als Höhepunkt der vielen Gänsehäute dieses Abends. Trotz des Indie-Nationalmannschaftsdaseins ist es natürlich nicht die kanadische Hymne, sondern eine für siebzehnjährige Mädchen: "Anthems For A Seventeen Year Old Girl", vielleicht einer der schönsten, reinsten Popsongs aller Zeiten, zuckersüß vorgetragen von der barfüßigen Lisa Lobsinger.

Auch nach dem Ende der Setlist und ihrer Zugaben will die Euphorie kein Ende nehmen. Das Publikum klatscht, jubelt, johlt dieses grundsympathische und gutgelaunte Ensemble erneut heraus, bezeichnend für die vorangegangenen Stunden, sowohl Publikum als auch Musiker haben einfach nur Lust auf Musik. Ein letzter Song, ein letzter Moment, ein letztes Auskosten dieses Abends, der nichts so sehr ist wie einfach nur wunderschön. Nach kurzer Besinnung, wo man eigentlich ist, entlassen die großen, goldenen Schwingtüren des Admiralspalasts die glücklich und andächtig plauschende Menge in die Berliner Nacht. So und nicht anders wird man der Labelgeschichte von City Slang gerecht.

Daniel Waldhuber

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